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Wie Kinder auf den Tod reagieren

5.1. Kinder trauern anders - Phasen der Trauer

"Der Trauerprozess durchläuft verschiedene Phasen und ist mit dem kindlichen Entwicklungs- und Lernprozess vergleichbar, in dessen einzelnen Phasen (oder Stufen) bestimmte Entwicklungsaufgaben positiv bewältigt werden müssen, um eine nächsthöhere Stufe zu erreichen. In jeder dieser Phasen, auch in denen der Trauer, verändert sich das kindliche Denken, Fühlen und Erleben." (Franz, 2002, S. 89)

Der Psychologe JAMES WILLIAM WORDEN teilt diese Phasen in vier Teile und nennt sie die "Aufgaben des Trauerns".

5.1.1. Die erste Aufgabe der Trauer: Die Realität anerkennen

"In der ersten Phase muss das Kind dahin kommen, den Tod zu akzeptieren und zu begreifen. Die Akzeptanz der Realität ist die wichtigste Voraussetzung zur Trauer und somit der erste Schritt in der Verlustverarbeitung." (Franz, 2002, S.90)

? Verleugnung

Nach dem Verlust eines nahe stehenden Menschen wird das Kind die mit dem Tod verbundenen Geschehnisse auf unterschiedlichste Art verleugnen. Es reagiert auf sinnlose Weise um nicht daran denken zu müssen und die damit verbundenen Gefühle nicht zu spüren. Verdrängung, Abwehr und Verleugnung sind selbstschützende Lebens- und Überlebensprinzipien und Versuche, etwas Schreckliches von sich fern zu halten oder zu verringern.

? Gefühlsschock

Manche Kinder geraten durch den Schmerz über einen Todesfall in eine Art Schockzustand, in dem sie benommen, betäubt, starr, teilnahmslos oder unbeteiligt wirken. Diese Schockreaktion darf nicht mit Desinteresse oder Gleichgültigkeit verwechselt werden, da sie auf die momentane Gefühlslage des Kindes hinweist. Diese ist für das Kind derart schmerzhaft, dass es sich vor der Wirklichkeit schützen muss.

? Schonprogramm

Oft kommt es vor, dass aufgeweckte, lebhafte Kinder plötzlich sehr unauffällig werden, indem sie sich zurück ziehen, still werden oder versuchen keinen Ärger zu machen. Sie zeigen sehr viel Rücksicht und Verständnis für die Situation und wirken äußerlich betrachtet hilfsbereit, brav, vernünftig, lieb oder angepasst. Dies ist ein Zeichen, dass sie die Liebe, Zuneigung oder Fürsorge einer engen Bezugsperson nicht gefährden möchten oder Angst haben, weiter Veränderungen heraufzubeschwören. Man muss daher sehr aufpassen, nicht zu übersehen, dass das Kind innerlich zutiefst berührt, erschüttert und aufgebracht ist.

? Empfindungslosigkeit

Viele Kinder gehen, nachdem sie eine Todesmitteilung erhalten haben, sofort wieder zur Tagesordnung über. Oft reagieren sie dabei auf Schreckensmeldungen mit völlig anderen Fragen, als man erwartet hätte. Solche nüchternen Aussagen, wie zum Beispiel "Darf ich trotzdem spielen gehen?", bedeuten keinesfalls, dass die Kinder die Geschehnisse verstanden und akzeptiert haben. Dies bedeutet nur, dass die Kinder Normalität und Kontinuität brauchen. Ermahnungen oder Vorwürfe sind in diesem Fall deshalb nicht angebracht, da sie nur Schuldgefühle hervorrufen würden. (vgl. Franz, 2002, S. 90ff)

5.1.2. Die zweite Aufgabe der Trauer: Den Abschiedsschmerz durchleben

"In der zweiten Phase muss das Kind die Erfahrung des Todes vor allem gefühlsmäßig durchleben. Auf diesem Weg brechen oftmals gegensätzliche Gefühle aus dem Kind hervor. Wenn sich die Abwehrhaltung des Kindes insoweit verändert hat, dass es auch den Schmerz und die Trauer über den Verlust zulassen kann, hat es diese "Traueraufgabe" positiv bewältigt." (Franz, 2002, S. 92)

? Enttäuschung

Da das Kind den Verstorbenen noch immer liebt und weiterhin Gefühle in diese Beziehung steckt, fühlt es sich vom Verstorbenen betrogen, verlassen, verraten und im Stich gelassen. Die Enttäuschung ist umso größer, je mehr Gefühle das Kind in die nicht mehr vorhandene Beziehung steckt. Da dem Kind ein Teil der Liebe fehlt, die es bisher bekommen hat, hinterlässt der Tod eine Lücke in der Selbstwahrnehmung des Kindes, so als ob ein Stück der eigenen Persönlichkeit verloren gegangen sei.

? Gefühlsausbrüche

Nach der anfänglichen Verleugnung, brechen jetzt die verschiedensten Gefühle aus dem Kind heraus. Wut, Zorn, Trauer, Angst, Hass, Schmerz, Ohnmacht, Enttäuschung, Sehnsucht,... sind lebendige, gesunde Zeichen dafür, dass die Kraft jetzt nicht mehr verwendet wird um alle Gefühle zu verdrängen. Durch solche Gefühle fühlt man sich innerlich zerrissen und die Situation ist schwer zu ertragen. Da das kindliche Verhalten noch unreflektiert ist, kann es sich nur schwer von seinen Gefühlen distanzieren und ist ihnen deshalb schutzlos ausgeliefert.

? Aggressive Verhaltensweisen

Trauernde Kinder machen oft mit aggressiven Verhaltensweisen wie Schlagen, Kratzen, Spucken, Beißen,... auf sich aufmerksam. Diese Verhaltensweisen sind oft ein Hinweis darauf, wie unglücklich sie sind und wie große Schmerzen sie haben. Emotionen wie Hass und Wut sind deshalb oft Schutzreaktionen gegen Gefühle wie Sehnsucht und Liebe und sind ein Ausdruck dessen, wie ausgeliefert und hilflos sich ein Kind gegenüber dem Tod fühlt. Das Kind versucht, andere mit seiner Wut zu bestrafen, damit es sich selbst mächtig und stark fühlt. Um dem Kind zu helfen, muss man Verständnis für seine Gefühlslage zeigen und sich bemühen Zugang zu ihm zu finden. Dies bedeutet nicht, sein Verhalten gutzuheißen, es heißt jedoch, es nicht sofort zu bestrafen. Es gibt viele Möglichkeiten, gegen wen sich die kindliche Aggression richten kann, wie zum Beispiel gegen den Toten selbst, gegen die eigene Person, Menschen, Tiere, Dinge oder Gott. Um dem Kind seine Aggressionen zu nehmen, muss man dem Kind helfen, da es sonst in seinen Gefühlen verstrickt, befangen und gefangen bleibt. In diesem Fall benötigt das Kind therapeutische Hilfe. (vgl. Franz, 2002, S. 92ff)

5.1.3. Die dritte Aufgabe der Trauer: Verinnerlichen dessen, was war

"In der dritten Aufgabe muss sich das Kind mit dem Verstorbenen auseinandersetzen. Diese Zeit wird als besonders anstrengend erlebt, da sich Gefühle von tiefer Sehnsucht mit heftigem Abschiedsschmerz abwechseln." (Franz, 2002, S 96)

? Suchen: Der Wunsch nach Verschmelzung

Das Kind sucht nun oft nach dem Verstorbenen an Orten, wo er zu Lebzeiten anzutreffen war, da es den tiefen Wunsch verspürt, mit ihm in Verbindung zu treten. Unbewusst erhofft es sich, zu seinen Gewohnheiten zurückzufinden, was ihn lebensnah und echt erscheinen lässt. In dieser Zeit erzählen Kinder oft, dass sie den Verstorbenen gesehen oder mit ihm telefoniert haben. Diese intensiven Suchbewegungen führen zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen und somit zu einem Begreifen des Todes. Auf keinen Fall darf das Kind in dieser Zeit auf Grund seiner Tagträume oder Fantasien ermahnt werden, da sie der Ausdruck einer emotional äußerst intensiven Beschäftigung mit dem Toten sind.

? Idealisierung des Verstorbenen

In der vorigen Phase hat das Kind den Verstorbenen vermehrt entwertet und herabgesetzt. Nun schlägt sich das Verhalten des Kindes in das Gegenteil um, da es die Fähigkeiten des Toten überschätzt und ihm eine wichtigere Bedeutung oder einen höheren Stellenwert gibt, als er zu Lebzeiten hatte. Diese überhöhte Identifizierung kann sich dadurch zeigen, dass das trauernde Kind Verhaltensweisen übernimmt, die für den Verstorbenen typisch waren, da es ihm durch diese seelische Bindung leichter fällt, den Toten in zunächst lebendiger Erinnerung zu behalten.

? Finden: Die Auffrischung alter Erinnerungen

Trauernde Kinder entwickeln ein Suchbedürfnis nach dem Verstorbenen, indem sie vertraute Orte aufsuchen oder immer wieder Fotos betrachten. Dabei bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, mit ihnen über den Toten, die Geschehnisse und die Gefühle zu reden. Oft ist es hilfreich für Kinder, Unklarheiten zu klären, Schuldgefühle auszusprechen oder Kränkungen mitzuteilen. Für Kinder haben die Besitztümer des Verstorbenen eine ganz besondere Rolle, da sie greifbare Überbleibsel und kostbare Zeugnisse seines Lebens sind.

? Trennen: Verinnerlichen dessen, was war

Die Stufen des Suchens und Findens ermöglichen dem Kind sich mit dem Verstorbenen zu identifizieren und auseinander zu setzen. Das Kind entwirft somit ein innerliches Bild und kann sich so vom äußeren Bild des Verstorbenen trennen. Somit wird das Wesentliche des Verstorbenen verinnerlicht und eine Befreiung aus der belastenden, emotionalen Befangenheit gelingt. Der Verstorbene verliert somit seine allgegenwärtige Präsenz im Leben des Kindes und es kann nun in sich finden, was es mit dem Verstorbenen in Verbindung bringt. Es ist ihnen nun möglich, die Spuren, die der Verstorbene in ihrem Herzen hinterlassen hat zu sehen. Beispielweise sind das Einstellungen, Vorlieben, Werthaltungen, Eigenschaften, Fähigkeiten, sowie Neigungen oder Abneigungen, die im Kind nun weiterleben und somit die Erinnerungen an den Verstorbenen lebendig halten.

? Die Phase der Regression

Nach einiger Zeit reagieren die Kinder auf diese emotionale Anstrengung und Anspannung mit Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Rückzug. Ihre Aktivitäten verringern sich und sie ziehen sich in eine innere, stille Welt zurück. Sie verlassen kaum noch das Haus, treffen keine Freunde mehr oder haben keine Freude mehr an ihren Lieblingsbeschäftigungen. Bei manchen Kindern kann es auch zu einer Regression kommen, was ein Rückfall in eine frühere Entwicklungsstufe bedeutet. Das Kind entwickelt das unbewusste Bedürfnis, in eine Zeit zurückzukehren, wo das Leben noch unbelastet war und es die Welt noch als heil empfunden hat. Wenn sich Kinder durch einen Todesfall vernachlässigt fühlen, schlüpfen sie oft in die Rolle des "Sorgenkindes" um Aufmerksamkeit zu erregen. Oft benötigt das Kind all seine Kräfte um die Trauer zu bewältigen, so dass es an seine psychischen und physischen Grenzen gerät und so die zuletzt erlernte Fähigkeit wieder verlernt. Wenn diese Rückschritte nur vorübergehend sind, sind sie durchaus hilfreich, da sie dem Kind bei der Kräftigung und Stabilisierung helfen. Sollte diese Phase der Regression aber länger anhalten, kann es sein, dass das Kind professionelle Hilfe benötigt. (vgl. Franz, 2002, S. 96ff)

5.1.4. Die vierte Aufgabe der Trauer: Eine neue Identität entwickeln

"In der vierten Phase wendet sich das Kind von der Vergangenheit ab, um sich neu zu orientieren. Es kommt dahin, den Tod zu akzeptieren, wobei es durchaus Unterschiede zwischen dem kognitiven und dem emotionalen Begreifen geben kann." (Franz, 2002, S. 99)

? Loslassen: Das Bedürfnis nach neuen Bindungen

Das Kind hat nun den Wunsch, zu seinem Leben zurückzukehren, da die Gefühle die es dem Verstorbenen entgegenbringt, unerwidert bleiben und sie ihm keine dauerhafte, ausreichende Befriedigung verschaffen. Das Kind hat wieder Sehnsucht nach echter, lebendiger Zuwendung. Sobald es dann anderen Menschen sein Vertrauen schenken kann, nähert es sich dem Ende der Trauerarbeit, da das Kind innerlich soweit gereift und gestärkt ist, um sein Bedürfnis nach neuen Bindungen zu stillen. Das Kind spürt Lebensfreude, da die Erinnerungen des Verstorbenen keine schmerzhaften Gefühle mehr auslösen. Sie sind zu einem bedeutsamen Teil des Lebens geworden. Nun können aber immer noch Phasen auftreten, wo die Trauer wieder aufbricht und das Kind in ein früheres Stadium zurückfällt.

? Neuer Lebensbezug

Oft wird durch diese Grenzerfahrung die kindliche Illusion der Unsterblichkeit zerstört, da das Kind erahnt, dass es selbst auch sterben kann. Der Verlust verändert das Selbstverständnis zum Leben und lässt es kostbarer erscheinen. Dieser neue Selbst- und Lebensbezug ist ein Gewinn für das Kind, da es auf diese Weise Reife erlangt. Es hat eine wertvolle Lebenserfahrung in seine Persönlichkeit und in sein Leben integriert. (vgl. Franz, 2002, S. 99f)

5.2. Wenn ein Haustier stirbt

Das Zusammenleben mit Haustieren ist für Kinder eine sehr wichtige Erfahrung, da es meistens das erste Mal im Leben eines Kindes ist, dass es Verantwortung übernimmt. Tiere werden für Kinder zu wichtigen Familienmitgliedern, da sie keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier machen. (vgl. Franz, 2002, S. 111) Der Tod eines Haustieres ist für die meisten Kinder die erste große Verlusterfahrung und ist für sie so schmerzhaft, als ob ein geliebter Mensch sterben würde. Die Trauerprozesse, die durch den Tod eines Tieres in Gang kommen, sind der Grundstein für alle nachfolgenden Verlusterfahrungen, da sie immer wieder auf diese erste Erfahrung zurückgreifen. (vgl. Ennulat, 2003, S. 26) Und deshalb darf Kindern dieser Abschied nicht erspart bleiben, indem das tote Tier möglichst schnell ersetzt wird. Durch diese rasche Vertröstung wird der natürliche Trauerprozess des Kindes gestört, da es dem Kind nicht möglich ist, den Verlust ausgiebig zu betrauern und zu beweinen. Durch Ablenkung findet keine echte Trauerarbeit statt, da der Schmerz nur beiseite geschoben wird, und den Kindern ist es somit nicht möglich, sich auf etwas Neues einzulassen. Außerdem könnte ein rascher Ersatz vom Kind missverstanden werden, da es glaubt, das geliebte Haustier hatte für die Eltern keinen Wert und ist beliebig ersetzbar. Es ist daher sehr wichtig, das Kind nicht vom Schmerz abzulenken, sondern diesen Verlust ernst zu nehmen und dem Kind zu helfen, ihn in sein Leben zu integrieren. (vgl. Franz, 2002, S. 112f) Vielen Kindern ist es besonders wichtig, dass das tote Tier einen besonderen Platz erhält, damit sie es nach dem Tod noch besuchen können. Den Kindern soll es dabei möglich sein, selbst zu entscheiden, wie das Tier beerdigt werden soll, da jedes Kind andere Vorstellungen hat. Manche Kinder wollen Kreuze, Blumen, bunte Schachteln, Decken, andere wollen gar kein Grab, sondern wollen sich nur verabschieden. (vgl. Ennulat, 2003, S. 27) Sehr viel schwieriger ist die Situation, wenn ein Kind am Tod des Tieres schuld ist. Hier ist es ganz wichtig, dem Kind seine Schuldgefühle nicht ausreden zu wollen, sondern es mit seinen Gefühlen ernst zu nehmen. Es muss dem Kind zugestanden werden, darüber erschüttert und betroffen zu sein. Man sollte allerdings mit dem Kind ausführlich reden und überlegen, wo es wirklich Schuld hatte und wo es aber gut für das Tier gesorgt hatte. (vgl. Franz, 2002. S. 113) 5.3. Wenn die Großeltern sterben

Zu den Großeltern haben Kinder oft eine ganz besondere, innige und tiefe Beziehung, da diese mit weniger Konflikten belastet ist als die Beziehung zu den Eltern. Großeltern spielen eine besondere Rolle, da sie für Kinder eine zuverlässige, vertraute Stütze sind. Ganz besonders gilt dies für Enkelkinder, die mit der Scheidung der Eltern konfrontiert sind, da die Großeltern in diesem Fall oft ein wichtiges Bindeglied zu dem Elternteil sind, bei dem das Kind nicht wohnt. Durch die Großeltern erleben Kinder, was es bedeutet, älter zu werden, da sie mit ansehen können, wie sich das Äußere verändert. Deshalb bleiben auch wichtige Fragen nach Sterben und Tod nicht aus. Wenn Großeltern dabei offen mit ihren Enkelkindern reden, kann es ihnen helfen, wenn sie später den Tod der Großeltern verarbeiten müssen, da sie sich nach dem Tod an die Worte erinnern und dem Verlustschmerz weniger ausgeliefert sind. Wichtig ist dabei, dass die Großeltern die Fragen nicht falsch verstehen und dadurch gekränkt sind. Für Kinder ist es sehr hilfreich, wenn sie in Gespräche über eine Krankheit mit einbezogen werden und nicht hinausgeschickt werden, da dies ihr Selbstwertgefühl stärkt. Es ist für sie eine gute Gelegenheit, auch ihre Eltern in einer solchen Situation zu erleben. Außerdem ist es für ihre Verarbeitung einfacher, das Sterben der Großeltern zu erleben, da sie den Tod eines alten und kranken Menschen besser akzeptieren können als den eines Kindes oder eines jungen Menschen. (vgl. Ennulat, 2003, S. 38) Die Trauer von Kindern ist aber sehr unterschiedlich, da sie von der Intensität der Beziehung zum Verstorbenen abhängt. Manche Kinder sind auch sehr erleichtert, zum Beispiel dann wenn die Großmutter oder der Großvater lange Zeit pflegebedürftig zu Hause war. Für sie bedeutet der Tod der Großeltern dann endlich wieder Normalität. (vgl. Fleck- Bohaumilitzky, 2003, S. 29)

5.4. Wenn ein Geschwisterchen stirbt

"Immer dort, wo Kinder sterben, werden Stein und Stern und so viele Träume heimatlos." (Nelly Sachs) (Ennulat, 2003, S. 92)

Stirbt ein Kind, so wird die gesamte Weltordnung auf den Kopf gestellt. Es entspricht nicht unserer normalen Vorstellung, dass ein Kind vor den Eltern stirbt und ist daher für die Eltern die schwerste, radikalste und brutalste Erfahrung überhaupt. Dieses Ereignis begleitet sie ein Leben lang, da sie mit der Trauer leben lernen und dem verstorbenen Kind einen besonderen Platz in der Familie und in ihrem Herzen geben. Diesen besonderen Bereich füllt es vollständig aus und somit hat hier keines der lebenden Kinder mehr Platz. Die überlebenden Geschwister fühlen sich bald unbeachtet, ungeliebt, überflüssig, allein gelassen und einsam, da sie niemanden zum Reden haben, der sich für sie Zeit nimmt und ihnen hilft, mit ihrem Kummer fertig zu werden. Geschwisterkinder erleben somit eine doppelte Verlusterfahrung, da sie nicht nur Schwester oder Bruder verloren haben, sondern auch die Eltern und deren Zuwendung und Liebe. Eltern und Kinder können dadurch zu Fremden werden, wodurch das gesamte Familienleben zerbrechen kann. Es ist daher besonders wichtig, dass Eltern, sowie Kinder in dieser Zeit Hilfe bekommen, da sie sich gegenseitig, auf Grund ihrer verschiedenen Trauerbedürfnisse nicht unterstützen können. Besonders schwierig ist es, wenn ein Kind als Folge einer langen, schweren Krankheit stirbt, da die überlebenden Kinder im ersten Moment sehr froh sind. Schließlich haben sie sehr lange auf die Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern verzichten müssen, weil diese all ihre Liebe dem todkranken Kind geschenkt haben. Während der Krankheit mussten die Kinder ständig Rücksicht nehmen, vernünftig sein oder Dankbarkeit empfinden, dass sie gesund sind, was in den meisten Fällen dazu führt, dass sich das Kind wünscht, auch krank zu sein, mit dem Geschwisterchen tauschen zu können oder, dass das kranke Geschwisterchen stirbt. Oft sind psychosomatische Störungen oder auffällige Verhaltensweisen in dieser Zeit ein Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach dem Tod werden die überlebenden Geschwister von sehr unterschiedlichen Gefühlen geplagt, da sie einerseits traurig sind, andererseits aber Angst haben, noch jemanden an dieser oder einer anderen schweren Krankheit zu verlieren. Die anfängliche Freude, die ein Kind fühlt, wenn ein krankes Geschwisterchen stirbt, schlägt

bald um in Scham, Schuld, Verzweiflung und Enttäuschung. Auf Grund dieser Gefühle entwickelt das Kind dann einen Hass auf den Verstorbenen, da es sich schuldig fühlt, da der Verstorbene nun nicht mehr da ist. Oft werden Kinder dann von großen Schuldgefühlen geplagt, da sie das Gefühl haben, zu "Unrecht auf der Welt" zu sein. Diese Gefühle werden bestärkt, wenn die Eltern dem Kind in dieser Zeit keine Aufmerksamkeit schenken können, da sie mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt sind. Auch neigen Eltern dazu, das verstorbene Kind zu idealisieren und immer wieder zu erzählen wie gut, lieb oder brav das Geschwisterchen war. Dies ist nur sehr schwer für die Kinder zu ertragen, da sie sich verletzt und gekränkt fühlen. Sie fühlen sich dadurch minderwertig, schlechter, abgelehnt und stellen die Liebe der Eltern in Frage. Oft treten dabei Gedanken auf, dass es den Eltern lieber wäre, wenn sie gestorben wären. Dabei entwickeln Kinder oft den Wunsch, selbst zu sterben, damit sie von den Eltern dieselbe Zuwendung und Liebe erhalten. Diese heimlichen Suizidgedanken sind unbedingt zu berücksichtigen und ernst zu nehmen, indem man professionelle Hilfe einschaltet. Manche Kinder versuchen auch, das verstorbene Kind zu ersetzen, indem sie in dessen Rolle schlüpfen. Sie versuchen, sein Verhalten und seine Gewohnheiten zu übernehmen um die Eltern zu trösten und den früheren Familienzustand wieder herzustellen. Dies kann zu großen Problemen in der Entwicklung und in der Identitätsfindung führen, da der Tod nicht akzeptiert wird, wenn das Kind in einem anderen "weiterlebt". Die entstandene Lücke kann nur wieder geschlossen werden, wenn der Verlust von allen gelebt wird und deshalb muss der Platz des Verstorbenen unbedingt frei bleiben. Durch den Tod eines Bruders oder einer Schwester verliert das Kind einen ganz wichtigen Menschen, mit dem es viel geteilt hat. Die nun entstandene Lücke in der Geschwisterfolge ist durcheinander geraten und muss sich erst wieder finden. Schwierig wird es für Kinder, zu begreifen, dass sie plötzlich Einzelkind sind, das Älteste, oder das Jüngste. Für Kinder, die so einen schweren Verlust erlitten haben, ist es unbedingt notwendig, dass sie jemanden haben, der ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, zu dem sie Vertrauen haben und der in dieser Zeit für sie da ist. Da die Eltern aber zu dieser Zeit nicht in der Lage sind, braucht das Kind jemand anderen, der ihm die Liebe schenkt, die es braucht. (vgl. Franz, 2002, S. 116ff)

5.5. Wenn die Eltern sterben

Vater und Mutter sind normalerweise die wichtigsten Bezugspersonen im Leben eines Kindes, weshalb deren Tod die tiefgreifendste Verlusterfahrung ist. Durch den Tod von Mutter oder Vater stirbt ein wesentlicher Teil des Kindes, da sich das verwaiste Kind ein Leben lang vorstellt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte es den Elternteil nicht so früh verloren. Niemand kann den verstorbenen Elternteil ersetzen, da niemand das Kind so sehr lieben kann, wie ein Vater oder eine Mutter das kann. Ängste, dass das Kind verlassen wird, treten wieder auf, da es sich in seinen Bedürfnissen nach Sicherheit, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Liebe bedroht fühlt. Das Kind hat Angst, dass auch der andere Elternteil sterben könne und es dann ganz allein auf der Welt wäre. Wie das Kind mit dem Elterntod leben kann, hängt davon ab, wieweit der lebende Elternteil in der Lage ist, sich um das Kind zu kümmern. Es ist wichtig, dass der Elternteil darum bemüht ist, sein Leben so gut wie möglich zu gestalten und für seine Bedürfnisse zu sorgen und dass er in der Lage ist, mit dem Kind auch gemeinsam zu trauern. Dem Kind fällt es sonst schwer, seine eigene Trauer zuzulassen. Schwierig wird es für ein Kind, wenn Veränderungen, wie zum Beispiel ein Umzug, ein Schulwechsel oder finanzielle Probleme hinzukommen, da es mit dieser Situation dann komplett überfordert ist. In dieser Zeit ist es besonders wichtig, dass Kinder so viel Vertrautes wie möglich beibehalten können. Alter und Persönlichkeit des Kindes spielen bei der Verlustbearbeitung eine große Rolle, da kleinere Kinder noch all ihre Gefühle auf die Eltern beziehen. Ältere Kinder hingegen nehmen die Situation bereits differenzierter wahr und können so den Tod besser begreifen und verarbeiten. Viele Kinder, deren Eltern verstorben sind, fühlen sich schnell minderwertig, da sie neidisch sind auf die anderen Kinder, die alle noch ihre Mütter oder Väter haben. Sie merken, dass sie nun anders sind als die anderen und wollen daher, dass niemand in der Schule oder im Kindergarten erfährt, dass die Eltern gestorben sind. Ganz besonders wichtig ist es daher, dass Kindergarten und Schule über den Verlust des Kindes informiert werden, damit richtig mit dem Kind und der Situation umgegangen wird, da es in dieser Zeit ganz besonders wichtig ist, dass es wahrgenommen wird. Die Verarbeitung und die weitere Entwicklung werden wesentlich davon beeinflusst, ob es sich um den Tod der Mutter oder um den Tod des Vaters handelt. (vgl. Franz, 2002, S. 119f) 5.5.1. Wenn der Vater stirbt

Manche Menschen glauben, dass der Tod des Vaters nicht so einschneidend in das Leben des Kindes eingreift wie der Tod der Mutter. Oft verdienen Väter aber den finanziell größeren Anteil des Einkommens, was zu großen wirtschaftlichen Problemen und damit verbundenen Veränderungen führt. Oft ist nämlich ein Umzug oder ein Hausverkauf unumgänglich, was die Kinder aber doppelt verunsichert, da sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden. Verwitweten Müttern fällt es oft schwer, eine neue Bindung einzugehen, weshalb sie oft alleine bleiben. Dadurch wachsen die Kinder ohne männliches Vorbild auf, wodurch ein Mädchen verunsichert werden kann, weil es die Liebe und die Bestätigung des Vaters nicht mehr erleben kann. Einem Jungen hingegen fällt es schwer, in einem Kreis von Frauen seine Männlichkeit zu entwickeln und er entwickelt eine unbewusste Sehnsucht nach einer männlichen Bezugsperson. Besonders schwierig wird es für die Kinder, wenn die Mutter den Vater idealisiert, indem sie ihn auf ein Podest stellt und aus ihm eine verehrungswürdige Figur macht. Das ist dann nicht mehr der Vater, den die Kinder kannten, sondern ein Gestalt, die unerreichbar wird und bleibt. Die Kinder können sich in diesem Fall noch so sehr bemühen, sie werden es nicht schaffen, auch so eine großartige Person zu werden, was zu Frustration und Hoffnungslosigkeit führt. Ein weiteres Problem kann auftreten, wenn der Sohn in die Rolle des verstorbenen Vaters schlüpft und so zum Ersatzpartner der Mutter wird. Er kann sich so nicht zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln. Ein ebenso großes Problem kann auftauchen, wenn die Mutter ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund schiebt und sich nur mehr ihren Kindern widmet. Dies kann dazu führen, dass die Kinder nicht selbstständig werden und nicht damit beginnen ihr eigenes Leben zu leben. Eine solche Situation löst meist Schuldgefühle, Schuldzuweisungen und Probleme bei der Loslösung von der Mutter aus. Am wichtigsten ist in dieser Situation ein gemeinsames Trauern von Mutter und Kindern, sowie ein Sprechen über den verstorbenen Vater. (vgl. Franz, 2003, S. 121f)

5.5.2. Wenn die Mutter stirbt

Der Verlust der Mutter bedeutet wohl den tiefsten Einschnitt in das Leben eines Kindes, da es keine größere Belastung für ein Kind gibt. Für die meisten Kinder ist die Mutter die wichtigste Bezugsperson und durch ihren Tod gerät ihr gesamtes Leben durcheinander, da sie ihren Halt und ihre Sicherheit verlieren. Dies erschüttert ihr Vertrauen in die Welt. Den meisten Vätern gelingt es nicht, die Rolle der Mutter zu übernehmen, wodurch ihre Position unbesetzt bleibt, wenn der Vater keine neue Beziehung eingeht. Für Mädchen bedeutet das, dass sie die Identifikationsfigur verlieren. Viele Mädchen übernehmen nach dem Tod der Mutter ihre Aufgaben und versuchen sie in allen Lebensbereichen zu ersetzen, wodurch sie oft zur Ersatzpartnerin des Vaters werden. Dabei überfordern sie sich oft selbst, da sie keine Zeit und keinen Platz für ihre eigene Trauer lassen zulassen. Deshalb entsteht auch oft der Eindruck, dass sie sehr gut mit dem Verlust zurechtkommen, was aber nicht stimmt, da sie eine tiefe Sehnsucht nach der Liebe und Geborgenheit der Mutter haben. Söhne hingegen verlieren das "ödipale Liebesobjekt". Sie ziehen sich oft zurück, werden dadurch immer ruhiger, teilnahmsloser und trauern oft sehr lange und anhaltend. Wie beim Vater ist hier die Gefahr einer Idealisierung, da die Kinder die Mutter oft zu einer Heiligen erklären, an deren Einmaligkeit niemand herankommen kann. Sie wird zu einem Maßstab, an dem alles gemessen wird, wodurch sich das Kind immer mit der Mutter verbunden fühlt. Dies wird dann zu einem großen Problem, wenn der Vater einen neuen Lebenspartner findet, da es für die Kinder fast nicht möglich ist, eine neue Beziehung einzugehen. Sie fühlen für eine neue Bezugsperson nichts als Abneigung, da sie alle positiven Gefühle mit der Mutter verbinden. (vgl. Franz, 2002, S. 123f)