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Interview mit Markus Weißensteiner

Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes

 

Was ist Krisenintervention allgemein?

Um Krisenintervention definieren zu können muss man vorerst wissen, was eine Krise ist: Krise ist ein inneres Geschehen, wo die Bewältigungsmechanismen, die man im Alltag irgendwann erlernt hat, auf einmal nicht mehr funktionieren oder ausreichen um eine Situation zu bewältigen. Man sieht keine Möglichkeit mehr, mit einem Ereignis fertig zu werden und fällt somit in ein großes Loch.
Eine Krise ist dabei immer eine subjektive Sache, da ich als Außenstehender nicht sagen kann ob eine Situation ausreicht, damit es zu einer Krise kommt. Zum Beispiel kam einmal ein kleiner Bub mit sechs Jahren tränenüberströmt zu mir, da er das Jojo seines Bruders kaputt gemacht hatte. Auch wenn für einen Erwachsenen dies nur schwer zu verstehen ist, war der Bub in einer Krise. Das heißt, man muss schauen, was eine bestimmte Situation für eine Person bedeutet. Bei der Krisenintervention versucht man genau in diesem Moment einzuwirken und dieser Person so gut es geht Unterstützung zu bieten. Dabei muss man schauen, wie es für die Person passt. Anfangs ist es wichtig, dass man interessiert ist, was passiert ist und was dies für die Person heißt. Nur weil ich mir vorstelle, dass ein Ereignis für die Person schlimm ist, muss das nicht heißen, dass die Person die Situation genauso empfindet. Meine Vorstellung über die Empfindungen einer Person hat keine Bedeutung, weil es wichtig ist zu schauen, welche Bedeutung es für die betroffene Person. Von unserer Seite heißt es zu erfragen, was war wichtig, für den Verstorbenen, mit dem Verstorbenen, was hat er gerne gemacht, wo werden sie an ihn erinnert, woran denken sie ganz besonders,... Ganz gleich was es ist und wie richtig es ist, es geht darum zu erfahren, was es für die Betroffenen bedeutet oder bedeutet hat. Wichtig ist es dann einfach, Unterstützung zu bieten.

Wie schaut ein konkreter Ablauf bei einer Krisenintervention aus?

Der 1. Schritt ist einmal, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten, ganz egal ob das Erwachsene oder Kinder sind. Das heißt natürlich nicht nur begrüßen, sondern es ist wichtig, mit dem Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Dabei sollte man eine Atmosphäre schaffen, in der die Person erzählen kann. Damit die Person auch Persönliches erzählen kann, muss sie merken, dass mit dem, was sie erzählt, vertrauensvoll umgegangen wird und dass sie über ihre Gefühle reden und diese auch zeigen kann. Man soll, vielleicht auch durch nachfragen, die Möglichkeit bieten, zu erzählen wie sie es erfahren haben, wie es weitergegangen ist und was dies nun für die Person heißt. Als 2. Schritt ist es wichtig, eine Struktur in die Emotionswelt des Betroffenen zu bringen, da dieser einen inneren Konflikt bewältigen muss, weil er hin- und hergerissen ist zwischen Gefühlen von Trauer, Wut, Erleichterung, Angst,... Ebenso ist der Betroffene aber auch konfrontiert mit einer Fülle an behördlichen Dingen, mit denen er in den meisten Fällen noch nie zu tun gehabt hat. Deshalb ist es eine große Erleichterung zu klären, wie es nun weitergeht, zum Beispiel mit Begräbnis, Amtsarzt,... Als 3. Schritt ist es wichtig, dass man schaut, dass die Betroffenen die Situation zumindest ein Stück weit anerkennen. Eine wirkliche Anerkennung ist natürlich in 2-3 Stunden nicht möglich, aber man sollte schauen, dass die Betroffenen so von der Situation sprechen, dass klar ist, dass der Mensch nun tot ist. Ein Teil der Anerkennung ist auch die Verabschiedung, dass die Betroffenen zum Beispiel noch einmal zu der Todesstelle fahren, oder in die Leichenhalle,... Natürlich kann es auch sein, dass jemand das nicht möchte, da er eine andere Möglichkeit hat, sich zu verabschieden. Letztendlich ist es wichtig, zu schauen, dass die Person nicht alleine bleibt mit diesem Ereignis, sondern dass Angehörige da sind, die Unterstützung geben, oder jemand aus der Nachbarschaft,...

Wie wird das Kriseninterventionsteam aufmerksam auf eine Krise?

Sanitäter oder der Notarzt werden vor Ort gerufen und deren Aufgabe ist es dann, zu erkennen, wie schwer betroffen die Menschen sind. Die Sanitäter müssen entscheiden, ob die Betroffenen die Situation selbst meistern, ob sie andere Leute zur Unterstützung haben oder ob Grenzen überschritten werden und es nicht gut wäre, die Personen in dieser Situation alleine zu lassen. Wenn sie sich dafür entscheiden, dass es besser ist, die Betroffenen nicht alleine zu lassen, verständigen sie die Leitstelle und zwei Mitarbeiter des Kriseninterventionsteam fahren dann zur Wohnung, zur Unfallstelle oder ins Krankenhaus zu den Angehörigen.

Wie schaut Krisenintervention bei Kindern aus?

Ein konkreter Punkt sind dabei die Eltern, denn wenn diese nicht zulassen, dass das Kriseninterventionsteam mit den Kindern redet, dann tun die Mitarbeiter es auch nicht. Wenn die Eltern aber das Kriseninterventionsteam hinzurufen, dann wollen sie meist sowieso die Unterstützung. Vor allem, weil Kinder ein doppelter Unsicherheitsfaktor sind, da man bei Kindern verstärkt darauf schaut, nichts falsch zu machen. Prinzipiell muss man damit anfangen, bei den Eltern Vertrauen aufzubauen, damit sie einen überhaupt zu den Kindern lassen. Wichtig für die Kinder ist natürlich, dass sie überall dabei sind und nicht vom Geschehen ausgeschlossen werden. Sie brauchen unbedingt Sicherheit, zum Beispiel im Beibehalten von Traditionen, wie dem täglichen Schlafen gehen, oder dem gemeinsamen Essen oder in der Zuwendung. Wenn Kinder nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie benötigen, dann machen sie auf sich aufmerksam, entweder durch Schreien, Rückzug, Weinen,... Natürlich tritt man mit einem Kind ganz anders in Kontakt als mit einem Erwachsenen. Am Besten ist es, man steigt genau dort ein, wo das Kind gerade ist. Also wenn es gerade mit Spielen beschäftigt ist, dann werde ich mich dazusetzen und Interesse zeigen an dem, was das Kind gerade macht. Ich werde mit dem Kind mitspielen, ohne irgendein Trauerthema anzusprechen. Das einzige, was man dabei machen kann ist, dem Kind zu sagen, dass es jede Frage stellen kann, die es möchte, da Kinder oft das Gefühl haben, in einer unsicheren Situation besser keine Fragen zu stellen. Irgendwann, wenn das Kind Vertrauen gefasst hat, fängt es dann von selbst an eine Frage zu stellen. Dabei ist es wichtig, die Fragen auf kindgerechte Art und Weise ehrlich zu beantworten. Vor allem aber auch nur so viel zu beantworten, wie das Kind wissen möchte und auch verarbeiten kann. Das Kind entscheidet dabei selbst, wenn es eine Antwort nicht mehr hören will, wann es schon zu viel wird. Sobald es dann diese Antwort verarbeitet hat, kann es auch wieder weiterfragen und ist auch wieder aufnahmefähig. Kinder vertragen immer nur eine gewisse Portion an Konfrontation. Diese Portion holen sie sich und dann brauchen sie wieder eine Zeit um damit fertig zu werden. Sobald sie das verarbeitet haben, sind sie auch wieder bereit, sich die nächste Portion an Information zu holen. Es gibt dann noch Erinnerungsmöglichkeiten, die man gemeinsam mit den Eltern schaffen kann. Dies wären zum Beispiel Erinnerungsschachteln, Fotoalben, ... Dies sollte aber immer freiwillig geschehen. Den meisten Kindern hilft es auch, wenn man sie am Geschehen teilhaben lässt, zum Beispiel das Gewand für das Begräbnis aussuchen lässt, oder das Foto für den Patenzettel,... Allgemein kann man Kindern mehr zutrauen als man glaubt und man kann ihnen auch ehrlich sagen, wenn man keine Antwort weiß.

Wie lange dauert die Begleitung?

Im Durchschnitt dauert die Begleitung 3 Stunden, vereinzelt auch 5 bis 6 Stunden. Bei Kindern ist dann die Vermittlung für eine längerfristige Begleitung, wie zum Beispiel zu Rainbows, sehr wichtig. Informationsweitergabe über andere Einrichtungen findet auf jeden Fall statt, auch bei Erwachsenen. Wenn irgendwo ganz massive Anzeichen sind, dass etwas nicht passt, wie zum Beispiel Selbstgefährdung, dann wird noch jemand nachgefordert, der die Möglichkeit hat, längerfristig zu betreuen. Konkret dauert die Begleitung von uns aber nicht länger als einen Tag, wobei sich die Angehörigen aber über die Leitstelle wieder melden können. In Einzelfällen, wenn große Unsicherheit herrscht, ist man auch bei Begräbnissen dabei.

Wie schaut die Ausbildung zum Kriseninterventionsmitglied aus?

Um Mitglied im Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes zu werden, muss man mindestens 25 Jahre sein, einen Kurs machen, wo all diese Thematiken besprochen werden und abschließend eine theoretische Prüfung ablegen. Dann kommt eine Praxisphase, in der man als zusätzliche Person mitgeht und nach und nach Aufgaben übernimmt.

Fällt es den Angehörigen leicht, die Hilfe eine Kriseninterventionsteams in Anspruch zu nehmen?

Prinzipiell werden die Betroffenen gefragt, ob sie Hilfe wollen und wenn diese „Nein“ sagen, dann kommen wir auch gar nicht. Oft ist es aber auch so, dass sie vorerst „Nein“ sagen, trotzdem aber dann erleichtert sind, wenn sie doch Hilfe bekommen.