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Interview mit Maria Schindele

Mitarbeiterin des Mobilen Hospizdienstes der Caritas St. Pölten

 

Was ist Mobiler Hospizdienst im allgemeinen?

Der Mobile Hospizdienst ist eine Lebens- Sterbe- und Trauerbegleitung auf mobiler Basis. Das heißt, wir kommen, dort wo Bedarf ist, zu den unheilbaren Kranken, also entweder nach Hause, ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim. Wir versuchen, den Mensch in seiner letzten Lebensphase zu begleiten und sich für ihn Zeit zu nehmen. Ebenso unterstützen wir die Angehörigen in dieser schwierigen Lebensphase. Der Mobile Hospizdienst ist dabei völlig unabhängig von jeder religiösen oder politischen Zugehörigkeit.

Wie schaut die Begleitung konkret aus?

Am Anfang muss der Kontakt hergestellt werden, indem die Angehörigen, oder der Sterbende selbst bei der Caritas anrufen und um eine Begleitung bitten.
Ebenso kann es sein, dass Ärzte, die Hauskrankenpflege oder Begleitungen im Krankenhaus St. Pölten, wie die dortigen Psychologen um eine Sterbe- und Trauerbegleitung bitten. Am Anfang war die Kontaktaufnahme von diesen Menschen sehr schwierig, da sie uns als Konkurrenz sahen. Mittlerweile ist dies aber nicht mehr so, da wir mit den Psychologen einen engen Kontakt pflegen und sie uns als gleichwertige Mitarbeiter sehen. Hauptsächlich besteht unsere Arbeit darin, dass wir anwesend sind und dem Schwerkranken und Sterbenden zeigen, dass wir Zeit für ihn haben. Das Zeit haben ist sehr wichtig, da dies im Krankenhaus, im Pflegeheim oder auch zu Hause meist zu kurz kommt, was natürlich verständlich ist, da die Angehörigen bzw. auch die Schwestern im Krankenhaus oder Pflegeheim nebenbei auch andere Dinge zum Erledigen haben. Wir haben einfach die Möglichkeit, uns nur um den einen Patienten intensiv zu kümmern. Oft geht es dabei um die Bewältigung der kleinen Probleme, für die im Stationsalltag oder daheim keine Zeit mehr bleibt. Wie immer dieses „Zeit haben“ ausschaut, richtet sich ganz nach dem Patienten und seinen individuellen Bedürfnissen. Da wir keine therapeutischen oder pflegerischen Aufgaben zu erledigen haben, sind wir in diesem Bereich sehr flexibel.

Wie lange dauert die Sterbe- und Trauerbegleitung?

Das ist ganz unterschiedlich, da von verschiedensten Institutionen Trauerbegleitung angeboten wird. Die meisten Angehörigen gehen anschließend, also nachdem der Kranke verstorben ist in Trauergruppen oder besuchen eine andere Trauerbegleitung. Oft ist es aber auch so, dass der Kontakt sehr lange aufrechterhalten bleibt und dann irgendwann langsam einschläft oder durch eine bestimmte Aussage beendet wird. Dadurch, dass die Trauerbegleitung mit den Angehörigen ja sehr intensiv ist, baut sich ein sehr enger intimer Kontakt auf, der meist auch noch nach der Beerdigung aufrecht erhalten bleibt.

Wie schaut die Begleitung der Kinder der Sterbenden aus?

Am Besten zu erklären ist es wohl, wenn ich von einem konkreten Beispiel im vergangenen Herbst erzähle. Ich wurde damals von einer der Psychologinnen des Krankenhauses verständigt, dass eine Trauerbegleitung benötigt wird, da eine Mutter von vier Kindern im Sterben lag. Es ging in diesem Fall um eine schwerkranke Frau, die seit vielen Jahren an Krebs litt und die zu dieser Zeit dann nicht mehr ansprechbar war. Die Kinder waren seit Jahren damit konfrontiert, dass die Mutter schwer krank ist, waren es aber trotzdem gewöhnt, dass die Mutter, mit Ausnahme von kurzen Krankenhausaufenthalten immer daheim und somit bei ihnen war. Der große Einbruch für die Familie war dann als die Mutter nicht mehr ansprechbar war und sie keinen Kontakt mehr mit ihr aufnehmen konnten. Das erste Hingehen ins Krankenhaus war sehr schwierig für mich, da ich einfach nicht wusste was ich ihnen sagen soll. Es gibt nun mal nichts, was in so einer Situation sinnvoll ist und ihnen ihre Trauer erleichtert. Deshalb ist es das Beste, man geht einfach hin und schaut was kommt. Das hab ich dann auch gemacht. Ich bin ins Krankenhaus gegangen, hab mich vorgestellt und gefragt ob ich da bleiben darf. Ich habe ihnen angeboten, sie zu unterstützen, indem ich einfach da bin. Vielen Angehörigen ist es nämlich sehr wichtig, dass der Sterbende nie alleine ist und so ist es oft schon eine große Erleichterung wenn man Anwesenheitsdienste übernimmt, sodass die Betroffenen kurz weggehen können, mit der Gewissheit, dass der Sterbende trotzdem nicht allein ist. Am Anfang war natürlich eine große Scheu da, was ganz natürlich ist, da ich ja schließlich eine völlig fremde Person für die Familie war. Mit der Zeit ist dann aber ein sehr inniger Kontakt entstanden, da ich zweimal am Tag für einige Stunden im Krankenhaus war. Die konkrete Betreuung bzw. Begleitung bestand darin, dass wir sehr, sehr viel geredet haben. Großteils geht es in diesen Gesprächen natürlich um die Mutter und um die Vergangenheit mit der Mutter, also über die Krankheit, über gemeinsame Erlebnisse, Erinnerungen, usw. Es ist einfach ein erzählen, einerseits über lustige Sachen, andererseits aber auch über traurige Sachen. Natürlich wird auch über Ängste und Befürchtungen und über die Zukunft geredet. Im Allgemeinen ist das Reden, das Wichtigste für die Angehörigen. Vor allem auch das Reden mit Außenstehenden, da die eigene Familie genauso betroffen ist, wie man selbst. Es ist meiner Meinung nach sehr schwer einem Außenstehenden zu erklären, dass das „da sein“, das Zuhören und das Reden reicht, um die Angehörigen zu unterstützen. Aber das ist das Einzige was man in so einer Situation machen kann, da man sowieso nichts mehr daran ändern kann, da dies nun einmal das Schicksal entscheidet.

Was gibt ihnen die Kraft, diese Arbeit zu tun?

Wenn der Kontakt einmal hergestellt ist, ist es meist eine sehr bereichernde Arbeit. Menschen die nichts mit Sterbe- und Trauerbegleitung zu tun haben können sich das nicht vorstellen, da sie der Meinung sind, dass das eine sehr schwierige und nervenaufreibende Arbeit ist. Natürlich ist es schwierig in ein Krankenzimmer hineinzugehen, wenn man genau weiß, diese Kinder verlieren in einigen Tagen die Mutter oder den Vater. Andererseits ist die Situation nun einmal so und man kann sie nicht mehr ändern und darum muss man sich dieser Situation einfach stellen und schauen, wie man dieser Familie helfen kann. Die Angehörigen lassen einem einfach spüren, dass die Arbeit sehr wichtig ist und dann ist die Arbeit nicht mehr so schwierig. Ich finde, das Schwierige ist, daran zu denken, wie sehr die Mutter den Kindern noch ihr ganzes Leben, in den verschiedensten Situationen immer wieder abgehen wird.

Gibt es auch Einzelkontakte mit den Kindern?

Wenn der Wunsch von den Kindern selbst kommt, dann kommen natürlich auch Einzelkontakte zustande. Bei dieser Familie war es zum Beispiel so, dass der Älteste das Bedürfnis äußerte, mit mir einmal alleine zu sprechen und nach und nach wollten dann auch die anderen Kinder ihre Sorgen los werden. Meistens geht es in diesen Einzelgesprächen dann um ganz konkrete Probleme die den Kindern Kopfzerbrechen bereiten. Oft sind es Dinge, die mit der Mutter nicht mehr besprochen werden konnten, oder Fragen, die die Zukunft betreffen oder sie wollen einfach ihre Ängste loswerden.

Wie gehen die Kinder mit dem bevorstehenden Tod um?

Was mich immer sehr fasziniert ist, dass die Kinder überhaupt keine Hemmungen gegenüber dem Schwerkranken haben, da sie die Situation ja gewöhnt sind. Es ist so für die Kinder kein Problem weiterhin mit der Mutter zu kuscheln, sie zu streicheln, zu berühren, sie zu küssen,... In dieser Phase, wo der Tod schon bevorsteht begreifen die Kinder die Situation und dass der Tod nun nicht mehr unvermeidlich ist. Zu beobachten ist, dass die Kinder am Anfang der Trauerbegleitung sehr an dem Kranken klammern und ihn nicht loslassen wollen. Sie wollen einfach nicht wahrhaben, dass dies ein Ende sein soll und versuchen den Kranken im Leben „festzuhalten“. Am Schluss, also kurz bevor der Schwerkranke dann stirbt, merkt man, dass die Kinder lernen loszulassen und zu akzeptieren dass das Schicksal die Entscheidungen trifft. Am Schluss merkt man, dass die Kinder, die Mutter einfach nur mehr in dieser Zeit unterstützen wollen, solange sie die Unterstützung braucht.

Ist es leichter für Kinder wenn sie nicht ausgeschlossen werden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auf jeden Fall leichter ist für die Kinder, da sie dadurch natürlich mit der Krankheit und dann auch mit dem Tod umzugehen lernen. Meiner Meinung nach entwickeln Kinder, wenn man sie ausschließt, Phantasien über die Krankheit und den Tod und diese Phantasien nehmen dann ihren Lauf. Wenn man die Kinder allerdings mit der Realität konfrontiert, können sie die Situation besser wahrnehmen, da sie sich ein konkretes Bild machen können. Die Kinder verlieren die Furcht, da im Normalfall ein Sterbender oder ein gerade Verstorbener ja nicht furchtbar aussehen. Ich denke, dass das aktive Dabei sein und auch das Verabschieden es um vieles leichter für die Kinder machen. Natürlich ist der Tod eines Angehörigen, besonders der Tod von Mutter oder Vater trotzdem sehr schwierig für die Kinder, aber ich denke, dass die Voraussetzungen für die Verarbeitung dann besser sind.

Was kostet die Trauerbegleitung des Mobilen Hospizdienstes?

Die Trauerbegleitung des Mobilen Hospizdienstes ist absolut kostenlos. Die Kosten, die anfallen, werden aus verschiedensten Töpfen finanziert.

Welche Ausbildung benötigt man um beim Mobilen Hospiz tätig zu sein?

Ich bin Diplomkrankenschwester, habe viele Jahre in der Hauskrankenpflege gearbeitet und bin dann über Umwege zum Mobilen Hospiz gekommen. Ich habe verschiedene Seminare zum Thema „Sterbe- Tod- und Trauerbegleitung“ besucht, sowie Seminare zum Thema „Angehörigenbegleitung“. Im Prinzip muss man aber keine Krankenschwester sein, sondern man kann aus jedem Beruf einsteigen, wenn man die verschiedensten Seminare zu diesem Thema besucht. Zum Beispiel gibt es ein Grundseminar über „Lebens- Sterbe- und Trauerbegleitung“, das die meisten machen. Die Voraussetzung ist die persönliche Festigkeit, weshalb das Mindestalter auch 25 Jahre beträt.

Gibt es einen häufigen Wechsel der Mitarbeiter?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche machen diese Arbeit nur einige Monate und manche sind schon seit Jahren dabei. Eine Mitarbeiterin ist nun schon das zwölfte Jahr dabei. Zur Betreuung der Mitarbeiter gibt es ein monatliches Team, bei dem alle Sterbefälle besprochen werden, alle neuen Begleitungen vorgestellt und besprochen werden und Informationen und Erfahrungen getauscht werden. Die Mitarbeiter können jederzeit sagen, wenn sie sich zur Zeit nicht in der Lage fühlen eine Begleitung zu machen. Wichtig bei der Begleitung ist nämlich, dass es dem Begleitenden selbst gut geht und wenn sich ein Mitarbeiter selbst nicht wohl fühlt oder es ihm nicht gut geht, dann sollte er auch keine Begleitung übernehmen.

Wie schaut die Öffentlichkeitsarbeit aus?

Solange die Menschen mit dem Thema Sterben und Tod nicht konfrontiert sind ist es sehr schwer sie zu erreichen. Die Hemmschwelle zu diesem Thema ist sehr groß. Wir versuchen deshalb, die Menschen an den unterschiedlichsten Orten und zu den unterschiedlichsten Anlässen zu erreichen und Informationsmaterial auszuteilen. Zum Beispiel in Krankenhäusern, in Schulen, bei Workshops, im Caritashaus, bei Fortbildungen, bei Benefizveranstaltungen,... Auch wenn die meisten Menschen an den Informationsständen vorbeigehen ist es trotzdem wichtig dass man da ist, damit vielleicht der eine oder andere, der vielleicht gerade in dieser Situation ist, wenigstens weiß, dass es so etwas gibt. Intensiv versuchen wir die Leute über Ärzte zu informieren. Leider wissen viele Ärzte nicht, was wir genau machen und darum ist die Informationsweitergabe nach wie vor sehr dürftig.

Nehmen die Menschen das Angebot der Sterbe- und Trauerbegleitung gerne in Anspruch?

Im Allgemeinen ist schon eine große Scheu vorhanden, da viele Menschen nicht genau wissen was wir tun. Außerdem wollen sich viele Menschen nicht helfen lassen, da sie glauben, dass sie keine Hilfe brauchen und die Trauer alleine bewältigen. Viele Menschen sagen aber auch von vornherein „Nein“ und wenn man ihnen dann erklärt, was wir genau machen, nehmen sie das Angebot früher oder später schon in Anspruch. Oft nehmen die Trauernden das Angebot des Telefongespräches an. Auch wenn sie persönlich nicht reden wollen, rufen sie nach einiger Zeit an, um dann doch zu reden.