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Einleitung

Wo arbeiten SozialpädagogInnen? In Heimen für "schwererziehbare " Kinder.

Was bedeutet schwererziehbar? Vor allem schlimm, aggressiv.

In kurzen Worten ist dies die öffentliche Meinung über das sozialpädagogische Arbeitsfeld und seine jungen KlientInnen. Das Fazit einer Straßenbefragung, die im Rahmen des Praxisunterrichtes von SchülerInnen der Bundesbildungsanstalt für Sozialpädagogik durchgeführt wurde, zeigt einen deutlichen Ansatz von Vorurteilen.

Seit vielen Generationen hat die dahinterstehende Aussage zahlreiche pädagogische Richtungen der Gesellschaft überdauert. Die negative Bedeutung der allgemeinen Meinung ergibt sich daraus, dass sie unzusammenhängend in Erscheinung tritt und somit eine etikettierende Assoziation entsteht. Ich setze beide Begriffe - "schwererziehbar" und "aggressiv" - deshalb bewusst in Beziehung, weil sie offensichtlich sehr leicht miteinander in Verbindung gebracht werden und dies  die Notwendigkeit ergibt, gleich vorweg meinen Ansatzpunkt der Erklärungen darzustellen.

Niemand wird schwererziehbar geboren, und auch aggressives Verhalten wurde uns nicht in die Wiege gelegt. Auch wenn einzelne Aggressionstheorien die Auffassung vertreten, Aggression sei ein menschlicher Trieb, bin ich überzeugt davon, dass die verschiedensten Formen des Ausdrucks von Aggression, nichts  mehr mit einem ursprünglichen Triebkonzept gemeinsam haben. Vielmehr kann das erzieherische Milieu dazu beitragen, welche Verhaltensmodelle ein Kind entwickelt, beibehält oder auch nicht einsetzt. Ein Kind ist, wenn es ins Heim kommt, bereits geprägt von vielschichtigen Faktoren, die seine Entwicklung  bis dahin beeinflusst haben und  diese auch weiter beeinflussen werden. Dabei geht es nicht vorrangig um die Anamnese der Familiensituation, sondern ebenfalls um die Auseinandersetzung mit den einzelnen Bezugssystemen, sowie der Verknüpfung aller erkennbaren Ansatzpunkte, die zum Entstehen des individuellen Problems beigetragen haben. Gerade die Zuschreibungen "schwererziehbar" und "aggressiv" können daher nicht als Eigenschaftsbeschreibung eines Kindes dienen. (Ein Kind ist groß, eines schmächtig, eines ist  besonders intelligent ð eines ist "schwererziehbar"und/ oder "aggressiv", die anderen sind "leicht erziehbar"?)

 

Die Frage der Heimeinweisung oder institutionellen, ausserfamiliären Unterbringung stellt sich bei vielen Kindern bereits im Kleinkindalter, gleichzeitig fällt jedoch auf, dass der Anteil der KlientInnen, die erst im Jugendalter fremduntergebracht werden, ebenfalls im Steigen ist.

Eine Behandlung des Themas Aggression kann demnach nicht ausschließlich zum Ziel haben, Methoden zu entwickeln, die den Abbau von Aggression fördern, um erwünschtes Verhalten zu erreichen. Vorrangig müssen wir uns mit allen Bedingungen beschäftigen, die dazu führen, dass  sich Verhaltensweisen entwickeln, die letztendlich beitragen, dass  die Begriffe "schwererziehbar", "verhaltensauffällig" und "aggressiv" das individuelle Kind stigmatisieren.

 

Genauer betrachtet, wird dadurch auch die gesellschaftspolitische Sichtweise des Problems "Aggression" sichtbar. Formen eines Verhaltens werden differenziert, wir sind interessiert daran, Ursachen zu erkennen um durch entsprechende Maßnahmen Symptome behandeln zu können. Oft endet die Auseinandersetzung spätestens bei dieser "Symptombehandlung".

Jeder andere Zugang zum Thema wird theoretisch erfasst, bleibt dann jedoch unreflektiert dokumentiert, wodurch die praktische Umsetzbarkeit ausbleibt.

Ich bin überzeugt davon, dass Aggression und Gewalt als primäre Probleme der Menschheit einzustufen sind, wenngleich mir auch bewusst ist, dass eine gewaltlose Gesellschaft immer nur Zukunftsvision bleiben wird. Aggression finden wir in seinen unterschiedlichsten Formen in allen Kulturen, zu jeder Zeit. Im Laufe der Evolution und Geschichte der Menschheit änderten sich Bedingungs- und Ursachenfelder.

 

Was würde der sogenannte "Fremde von einem anderen Stern" wohl nach eingehender Studie über das Zusammenleben der Menschen des Planeten Erde erzählen?

Es gibt viel Reichtum auf der Erde, aber auch viel Armut - nichts ist gerecht verteilt.

Viele Völker leben in Krieg und bekämpfen sich mit großen Waffen. Eigentlich kämpfen nur wenige Menschen, die anderen verstecken sich und wissen oft gar nicht, weshalb der Krieg stattfindet. Manchmal werden sie aber gefunden - von denen, die kämpfen - und dann fließt meist sehr viel Blut und die Kinder weinen.

 

Millionen Straßenkinder leben in vielen Ländern der Erde. Sie nehmen Dinge aus Mülltonnen, die sie dann essen. Manchmal sind sie auch in Gruppen zu beobachten, wenn sie gemeinsam anderen etwas wegnehmen, aus einem Sack schnüffeln oder in der Nacht am Straßenrand eng beisammen liegen. Einige überleben die Nacht nicht, weil sie - staatlich angeordnet - ermordet werden.

 

Manche Kinder wachsen mit Materiellem überhäuft in einer Wohlstands- und Konsumgesellschaft auf. Dort hat aber selten jemand Zeit für sie, tagsüber sind die meisten außer Haus, die Eltern hetzen zur Arbeit, schon die Kleinsten werden vorher in Institutionen "abgegeben". Dort sind die Kinder dann in Gruppen beim Spiel zu beobachten, nur manchmal streiten sie und die BetreuerIn schimpft, weil das gegen eine sogenannte Regel verstößt. Es gibt überhaupt sehr viele Regeln in diesen Institutionen und die Kinder sollen lernen, sich danach zu verhalten. Vor allem sollen sie fleißig sein, ihre Aufgaben ordentlich erledigen, still sitzen, nicht laut sein und das tun, was die Erwachsenen wollen. In der Institution Schule bekommen sie dafür auch Noten und die LehrerInnen drohen gerne damit. Die meisten Kinder in der Schule versuchen sich dann anzupassen, weil sie angeblich am kürzeren Ast sitzen. (Für den Fremden ist dies unverständlich, da er in den wenigsten Lebensräumen der Kinder Bäume erblicken konnte.)

In den Familien ist dies ebenfalls so. Alleine dürfen die Kinder nicht ins Freie, da dies gefährlich sein soll. Zu Hause haben sie nicht immer jemanden zum Spielen, die meisten Familien haben nur ein Kind. Deshalb sitzen die Kinder gerne vor dem Fernseher. Sind die Kinder trotzdem lästig oder nicht folgsam, schreien die Eltern.

Manche Eltern sind anders. Die Kleineren bekommen einen Schlag auf das Gesäß, die Größeren vor allem in das Gesicht.

Dann laufen viele Tränen über die Wangen.

Manchmal werden die Kinder wie Große behandelt. Sie dürfen dann  zum Beispiel im Bett bei einem Erwachsenen liegen. Darüber dürfen sie aber mit niemandem sprechen, da dies ein Geheimnis ist. Die Kinder freuen sich aber nicht darüber, sobald sie alleine sind, weinen sie.

Es fällt auf, dass in allen sogenannten Familien wenig  miteinander gesprochen wird. Dies erscheint auch nicht möglich, da aus dem Fernseher immer sehr viele Geräusche kommen. Außerdem sind die Menschen am Abend sehr müde von der stressigen Arbeit. Deshalb brauchen sie entweder Ruhe oder einen Ausgleich durch Freizeitaktivitäten. Manchmal nennen sie dies auch Freizeitstress.

Einige Familien wohnen in schönen Häusern oder Wohnungen, die sie aber nur selten sehen, weil dafür Geld verdient werden muss. Da dies so anstrengend ist, verbringen die Menschen einige Male im Jahr Urlaub in fernen Ländern. Im Alltag bleibt wenig Zeit füreinander, deshalb wird  der Nachwuchs auch gerne mitgenommen und kann im Urlaubsort einer BetreuerIn übergeben werden.

Andere Menschen haben keine Arbeit und leben in sehr kleinen Wohnungen. Die Kinder sind dort nicht sehr oft, bleiben nach der Schule im Hof. Die Eltern können sich nicht um sie kümmern, weil sie betäubt sind von Alkohol und Aussichtslosigkeit. Die Kinder versuchen dann, sich um sich selbst zu kümmern, manchmal kümmert sich auch das Jugendamt.

Besonders fortschrittliche Länder richten viele Kinder- und Jugendheime ein.

Auch für die Erhaltung der Natur wird dort viel getan, weil in den letzten Jahrhunderten durch Profitgier schon das meiste zerstört wurde.

In allen Teilen der Welt wird darauf geachtet, dass sich die Jugend nach den Werten der Älteren entwickelt, in einigen Kulturen hat man jedoch bereits vergessen, welche Werte dies sein könnten und versucht nun, Neue zu entdecken. Vor allem die Jugend fragt sich meist, ob es sinnvoll ist, nur Altes zu übernehmen und begibt sich selbst auf die Suche.

 

Alle jungen Menschen  können in Gruppen beobachtet werden. In diesen peer-groups sind alle gleich, sprechen die selbe Sprache, tragen die selbe Kleidung und halten sich an eigene Regeln und sogenannte Normen. Manchmal sind diese Gruppen auch gemeinsam "böse", weil dies einfacher ist, als alleine "stark" zu sein. Was sie gemeinsam erleben, wird dann  in der Zeitung veröffentlicht und die Menschen, die dies lesen sagen, dies hätte es früher nicht gegeben, denn die Jugend von heute sei "schlecht" und aggressiv.

 

Diese bewusst überzeichneten Eindrücke eines fiktiven Beobachters zeigen erst wenige Facetten der Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Strukturen, Alltagsproblemen und dem Auftreten von Aggression. Gleichzeitig bietet diese Betrachtung aus der "Vogelperspektive" zahlreiche Ansätze zur Auseinandersetzung im Hinblick auf Modelle und Möglichkeiten des Umgangs mit dem Phänomen Aggression.

 

Ich werde in dieser Arbeit auf Ursachen und Formen von Aggression eingehen, wobei ich besonders jene theoretischen  Bereiche konkret behandeln werde, die in direktem Zusammenhang mit dem sozialpädagogischen Arbeitsfeld stehen. Weiters werde  ich persönliche, institutionelle und gesellschaftspolitische Handlungsansätze erarbeiten, die präventiv zur Aggressionsverminderung beitragen.