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Aggression und Peer-Group

Vor allem die sozial-kognitive Lerntheorie bietet die Möglichkeit zur Erklärung für jugendliche Gewalt und Aggression. Huber unterscheidet folgende Aspekte, die aggressive Handlungsweisen faszinierend erscheinen lassen, er spricht  jedoch in diesem Punkt  seiner Auseinandersetzung  ausschließlich von Gewalt (vgl Huber 1995, S.40):

  • aufgrund von Sozialisationsprozessen erweist sich aggressives Verhalten als ein erfolgreiches Handlungsmodell
  • ein aggressives Verhalten schafft Eindeutigkeit in unübersichtlichen Situationen
  • Aggression ist eine augenblicklich wirkende Demonstration der Überwindung von Ohnmacht
  • sie garantiert Fremdwahrnehmung und Aufmerksamkeit, die mit anderen Mitteln in dieser Situation nicht herstellbar erscheint
  • Gewalt innerhalb der Gruppe schafft zumindest kurzfristig Solidarität und Gruppenzusammenhalt

Innerhalb einer Gruppe von Gleichaltrigen werden gruppentypische Verhaltensweisen, also Gruppennormen, wie Ausdruck und Sprache, aber auch Einstellungen und Haltungen über das Lernen am Modell rasch an neue Mitglieder weitergegeben. Dies bedeutet nun gleichzeitig, dass die Gruppe im Sinne eines kollektiven Verhaltens Bestrafungsrituale entwickelt, um unangepasstes Verhalten zu ahnden oder durch Anerkennung das Nachahmen der Modelle belohnt (vgl. Nolting 2000, S.102/103).

"Schon in der Krabbelstube imitieren Babys das Verhalten Gleichaltriger; später, im Kindergarten- und Grundschulalter, nimmt der Einfluß anderer Kinder weiter zu und ist während der Pubertät am stärksten. Die Kinderwelt der sogenannten peer-groups ist...die wahre Arena der Sozialisation. Ausschließlich hier, behauptet die Psychologin Judith Harris, lernen Kinder das, worauf es im Leben ankommt: mit anderen Menschen umzugehen" (Spiegel, 47/1998 vom 16.11.98).

Die Gruppe ist nicht nur ein Bedingungsfeld für kollektive Gewalt, sie beeinflusst die Entwicklung des Individuums weitaus mehr als bisher angenommen. Jene Rolle, die dem Kind innerhalb der Gruppe zugestanden wird, hält es mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu einem späteren Zeitpunkt bei. Wie bereits in einem vorigen Kapitel erwähnt, kommt dieser Tatsache besondere Bedeutung in Bezug auf das gruppenpädagogische Handeln der SP zu.

Kann sich ein Kind in der peer-group nur durch aggressives Verhalten Anerkennung verschaffen, wird es dieses Modell auch in anderen Situation anwenden, um beachtet zu werden. Erfährt das Kind in der Gruppe Ablehnung, beeinflusst diese Erfahrung auch seine Rolle in einer neuen Gruppe.

Darin liegt trotz allem auch die Chance, positive Verhaltensweisen durch die Gruppe zu stärken. Das ist nur dann möglich, wenn die Normen der peer-group dies zulassen.

Für die SP bedeutet dieser Ansatz, dass sie durch Beobachtung Rollen und Normen wahrnehmen soll, um sogenannte Rollenfixierungen zu vermeiden. Die Entwicklung der Gruppennormen kann durch verschiedenste Maßnahmen und Aktivitäten beeinflusst und gelenkt werden.

Dieses Normensystem führt in der Heimsituation unter Umständen allerdings auch dazu, dass sich alle Kinder, die in der Institution leben, als Gruppe wahrnehmen und durch deren Werte, Einstellungen, Haltungen und Verhaltensweisen geprägt werden.

Es erscheint mir auch wichtig, den Begriff der strukturellen Gewalt nochmals miteinzubeziehen, da Normen immer ein System widerspiegeln.

Normen der Gesellschaft finden in institutionellen Normen ihren Ausdruck, diese begründen wiederum jene, die für das Leben innerhalb der Heimgruppe von Bedeutung sind.

Aggressive Verhaltensweisen in ihren unterschiedlichsten Formen können demnach ebenso auf die Struktur einer Institution zurückzuführen sein. Verbote, die nicht nachvollziehbar sind, Konsequenzen, die in keinem Zusammenhang zu der unangebrachten Verhaltensweise stehen, Bedürfnisse, die nicht erfüllt werden können, die finanzielle und personelle Situation sind der Nährboden für Frustrationen. Die SP als potenzielles Verhaltensmodell ist nur ein "Rädchen" im System. Obwohl sie das Kind in allen Alltagssituationen erlebt, steht ihr nur geringe Entscheidungsfreiheit zu. Sie ist daher stets Vermittler zwischen System und Kind und muss sehr oft auch ihre eigenen Bedürfnisse, Einstellungen und Werte der vorhandenen Struktur unterordnen.

Hier stelle ich zur Diskussion, ob dies nicht auch gleichzeitig die Grenze pädagogischen Handelns darstellt. Offiziell gibt es keine Heime für "schwer erziehbare" Kinder. Hinter vorgehaltener Hand geben jedoch sogar SP dieses Stigma weiter und vergessen dabei  darauf, systemische Zusammenhänge miteinzubeziehen. Betrachten wir die individuelle Situation eines Kindes, besteht demnach durchaus die Möglichkeit, dass es sich innerhalb des Heimsystems erst endgültig seinem Etikett nach entwickelt.

Das Kind versucht, sich den Normen anzupassen und wird Verhaltensweisen der peer-group innerhalb des Heimes imitieren. Einige wenige Modelle können sich auf das Handeln aller Kinder und Jugendlichen einer Institution auswirken.