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Interkulturelle Erziehung

Ch. Haberleitner

Über zwei wichtige Begriffe soll in die Thematik kurz eingeführt werden:

  • „Inter“ ist lateinisch und bedeutet „zwischen“; das Ziel interkultureller Erziehung ist es, die Gleichberechtigung zwischen den kulturellen, religiösen, ethnischen Gruppen erzieherisch zu begleiten.
  • Der Begriff – interkulturelle Pädagogik - tauchte Mitte der 70er Jahre auf und ist als Weiterentwicklung der Ausländerpädagogik zu sehen. Die Basis ist die Gleichwertigkeit der Kulturen und Sprachen. Eine anthropolo-gische Fundierung lässt sich mit Paulo Freires Befreiungspädagogik und Martin Bubers Dialogpädagogik finden. (vgl. Hierdeis, Hug, 1996)

Von interkultureller Pädagogik kann nur dann gesprochen werden, wenn folgende Elemente zur Gänze oder wenigstens teilweise erfüllt werden. Diese Umsetzung erfordert wiederum bestimmte Haltungen der Pädagogin, die sich in der folgenden Auseinandersetzung verdeutlichen sollen:

  • Das demokratische Prinzip
  • Achtung und Moral
  • Soziale und interkulturelle Kompetenz
  • Abbau von Vorurteilen
  • Solidarität
  • Permanenz als Prinzip
  • Prinzip der Repräsentanz

Das demokratische Prinzip

Die Forderung nach dem demokratischen Prinzip in der interkulturellen Erziehung kann in pädagogischen Einrichtungen in folgender Weise umgesetzt werden: Die Anerkennung der Vielfalt der in der Gesellschaft vorzufindenden Werte und Normen und die Bereitschaft sich auf diese Pluralität einzulassen, bildet die Grundlage für ein solidarisches und kooperatives Handeln und ist somit die Voraussetzung für einen wert-schätzenden Dialog. Damit dieser Anspruch verwirklicht werden kann, sollen vom Team der Pädagoginnen Aktivitäten gesetzt werden, die sowohl eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität als auch die Kenntnis und Sensibilisierung für andere Kulturen ermöglichen.

Differenzen sollen generell keinen Störfaktor darstellen, sondern eine Chance der Bereicherung des pädagogischen Alltags darstellen. Die pädagogische Absicht dieser interkulturellen Bildung, die von Achtung und Respekt vor dem anderen bzw. auch dem Fremden geprägt ist, sollte bei den Kindern zu einer langfristigen Verhaltensänderung führen, die im moralischen Denken und Handeln ihren Ausdruck findet.

Achtung und Moral

Von einer Moralerziehung kann nur dann gesprochen werden, wenn sie nicht in abgehobenen Werten und Prinzipien ansetzt, sondern im konkreten pädagogischen Alltag umgesetzt wird.
„Ich will den anderen so behandeln, wie ich behandelt werden möchte.“ (vgl. Buber, 1992) Das setzt voraus, dass die Kinder und Jugendlichen in einem Klima aufwachsen können, in dem sie ihre Selbstliebe entfalten können und ihren Selbstwert entdecken dürfen und somit fähig werden, auch den Wert des Nächsten zu erkennen und anzunehmen. Menschen, deren Selbstwertgefühl von Anfang an geschädigt wurde, sind nicht in der Lage, andere Menschen so anzunehmen, wie sie sind, ohne gleich zu werten und zu vergleichen. Damit das Umsetzen dieses Aspektes gelingt, sollten Pädagoginnen versuchen, mit sensibel abgestimmten Aktivitäten Vorurteile abzubauen und Pauschalierungen und Typisierungen entgegenzuwirken. Besondere Bedeutung fällt dabei der Öffentlichkeitsarbeit zu.

Soziale Kompetenz und interkulturelle Kompetenz

Es ist davon auszugehen, dass interkulturelle Kompetenz von sozialer Kompetenz nicht getrennt werden kann, sondern den allgemeinen humanistischen Erziehungsvorstellungen entspricht. Soziale Erfahrungen und Kompetenzen können nicht mechanisch erlernt werden, sondern sie werden durch Beobachtung und Auseinan-dersetzung mit der Umwelt herangebildet. Pädagogische tätige Personen, müssen sich ihrer Vorbildwirkung bewusst sein und in reflektierten Teamprozessen die Bildungsangebote sensibel ausverhandeln und auf mögliche Aspekte von Ausgrenzungstendenzen überprüfen. Das soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen muss geprägt sein von Achtung, Respekt und Echtheit, denn nur so wird es ihnen möglich, positive soziale Verhaltensweisen zu internali-sieren und negativen Verhaltensweisen kritisch und selbstbewusst gegenüberzustehen.

Abbau von Vorurteilen

Um eine sensible und differenzierte Wahr-nehmungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, braucht es neben geplanten Bildungsangeboten auch das adäquate Erzieher-verhalten, das darin beruht, jede Person in ihren Stärken und Unzulänglichkeiten wahrzuneh-men und angemessen darauf zu reagieren. In dieser respektvollen Begegnung ist es erlaubt Fehler zu machen, es ist nicht nötig individuelle Unzulänglichkeiten zu verdrängen oder auf andere zu projizieren. Am Verhalten der Pädagogen kann das Kind/der Jugendliche beispielhaft erfahren, wie diese eigene Fehler annehmen und damit umgehen und welche vielfältigen Lösungsmöglichkeiten sich dafür anbieten

Das bedeutet für die Bildungs- und Erziehungs-arbeit in pädagogischen Einrichtungen, dass die multikulturelle Sichtweise eine allgemeine methodisch-didaktische Forderung ist, die sich nur dann verwirklichen lässt, wenn die Pädagoginnen ihr pädagogisches Tun und Denken im gleichen Maße an der Eigenwahrnehmung wie auch an der Fremdwahrnehmung ausrichten. Dieser pädago-gische Anspruch lässt sich nur durch ein ganzheitliches Lernen verwirklichen, indem an die interkulturelle Thematik aus verschiedenen Perspektiven herangegangen wird. Methodisch wird dabei auf verschiedenen Ebenen gelernt: Der rationalen und emotionalen Ebene und der Bewusstseins- und Handlungsebene. Interkulturelles Lernen verlangt emotional enga-giertes Lernen, das Phantasie und Kreativität zulässt und fördert. Es sollen möglichst alle Sinne gefördert und angeregt werden. Dies erfordert speziell im schulischen Bereich entsprechende Methoden sowie den Erwerb von differenzierten Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich aus konkreten Fragestellungen ergeben:

  • Der Fähigkeit, sich mit allen Sinnen auf die Welt einzulassen. Neugierverhalten soll angeregt und gefördert werden.
  • Der Fähigkeit, sich in andere versetzen zu können, aber auch, sich selber mit den Augen und Normen anderer zu sehen.
  • Fähigkeit, mit dem Umstand umgehen zu können, dass es keine einfachen Lösungen (richtig/falsch) gibt.
  • Der Fähigkeit des Erkennens und der gewaltfreien Bewältigung von Konflikten und Interessensgegensätzen.

Vorschulische und schulische Bildung und Erziehung soll somit die Fähigkeit fördern, aus der Sicherheit der immer größer werdenden eigenen Identität heraus mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, die Welt auch aus der Sicht anderer zu betrachten und auf der Basis verschiedener Betrachtungsweisen innerhalb einer multikulturellen Gesellschaft Urteile zu bilden und Vorurteile abzubauen.

Solidarität

Im Begriff Solidarität steckt der Appell, ein Gemeinschaftsbewusstsein zu entwickeln, in dem sich jedes Kind und jeder Jugendliche in seinem Sosein respektiert fühlt und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen möglich wird. Solidarität ist somit das Gegenprinzip zu Rivalität und Herrschaft.

Eine daraus resultierende langfristige Verhaltensänderung kann zu einer humaneren Gesellschaft beitragen, in der Mut und Zivil-courage seinen Freunden, Mitmenschen und Minderheiten gegenüber zu einer Selbst-verständlichkeit werden. (vgl. Haberleitner, 1999)

Permanenz als Prinzip

Aus diesem Selbstverständnis interkultureller Erziehung leitet sich ab, dass sie sich nur unter permanenter Berücksichtung ihrer Grund-annahmen im Alltag verwirklichen lässt. Unangemessen ist ein nur zeitweiliges Beachten interkultureller Aspekte bzw. Elemente in der pädagogischen Arbeit, nötig dagegen eine durchgängige Verankerung im pädagogischen Alltag. Einzelne, von einem Gesamtkonzept losgelöste, Aktionen gleiten schnell ab zu folkloristischen „Eintagsfliegen“ und sind für einen interkulturellen Dialog nicht hilfreich. Solche einzelne Aktivitäten würden eine Reduktion von interkultureller Pädagogik auf Feste und Projektwochen bedeuten – Interkulturelle Pädagogik ist keine Fest- und Feiertagspädagogik. (vgl. Schlösser, 2001)

Prinzip der Repräsentanz

Für den pädagogischen Alltag bedeutet das, dass sich jedes Kind und jeder Jugendliche mit seinen verschiedenartigen Erfahrungen und Vertrautheiten in der pädagogischen Einrichtung wieder finden kann. z.B.:
  • dass Bücher mit der Beschreibung unterschiedlicher Kulturen aufliegen;
  • dass die verschiedenen Sprachen der Kinder Beachtung finden ; dass verschiedene Religionen Beachtung finden;
  • dass die Herkunftsfamilien in den pädagogischen Alltag miteinbezogen werden (z.B.: Eltern oder Großeltern werden eingeladen, Geschichten zu erzählen, mit den Kindern zu musizieren, zu kochen usw.).
So merken die Kinder, dass das was sie mitbringen, bedeutsam ist, dass sie anerkannt werden so wie sie sind. (vgl. Böhm, 1999)

Das Erzieherverhalten im pädagogischen Alltag

„Eine Gesellschaft ist nur soviel wert, wie sie bereit erscheint, für die sozial Schwächsten ein Netz auszuspannen. RINGEL belässt es aber nicht bei einem nur allgemein gehaltenen Aufruf (die Gesellschaft muss sich ändern`), sondern fordert stets auch den einzelnen auf, sich zu ändern, da dies die Voraussetzung dafür ist, dass sich die Gesellschaft wandelt und nur dadurch das Leben lebenswert sein kann“ (zit. Lange, 1991, S.310). RINGELS Diagnose und Appell zur sozialen Verantwortung gilt heute mehr denn je. Interkulturelles Lernen und Leben nimmt für sich in Anspruch, dass das Bemühen um ein dialogisches Miteinander, im Sinne Martin BUBERS, die Kernaussage der Interkulturellen Pädagogik ist. Dieses dialogische Miteinander setzt sowohl die Anerkennung von Differenzen als auch die Anerkennung des Gemeinsamen voraus.

Aufgrund der unendlichen Vielfalt an Kulturen, sozialen und unterschiedlichen Interessen, muss den Pädagogen bewusst sein, dass keine absolute Übereinstimmung zu erwerben ist, sondern diese Unterschiedlichkeit stellt vielmehr eine Herausforderung für den Einzelnen dar, sich der Vielfalt zu stellen und seinen eigenen Weg zu suchen. Interkulturelle Erziehung und Erziehung im Allgemeinen sollen sich im erzieherischen Alltag dieser Situationen bedienen mit der Zielvorstellung, subjektive und objektive Befangenheit hinterfragbar, durchschaubar und überwindbar zu machen. Damit diese angesprochenen Zielvorstellungen von Erziehung realisierbar werden, besteht die Forderung an die Pädagogen, sich in ihrer neuen Rolle und Funktion in diesem pädagogischen Prozess zu finden und mit praktischen Konsequenzen darauf zu reagieren. Pädagogen werden mehr als bisher auf die interne Entwicklung des einzelnen Kindes achten müssen, denn sie sind und bleiben - nach der systemischen Auffassung - immer nur „Beobachter“.

Eine Veränderung der Erziehungsaufgaben erfolgt somit dahingehend, dass die Pädagogin statt frontaler Aufträge mehr Impulse setzt und dann abwartet, wie sich diese im Gesamtsystem auswirken. Dieses Erzieherverhalten ermöglicht es, sich von den Überraschungen, die sich im Lernprozess entwickelt haben, ergreifen und begeistern zu lassen, ohne sie als Selbst-verständlichkeit hinzunehmen. Die Erzieher werden in diesem Prozess des Beobachtens und Begleitens zu wahren Lernenden. Sie werden zu Helfern und Helferinnen, zu Mitspielern und Mitspielerinnen in Systemprozessen, wobei es nicht mehr um das Durchsetzen von Normen geht, sondern um die Ingangsetzung von Systemen mit bewusst gesetzten Impulsen, unter maximaler Einbeziehung der Selbststeuerungsfähigkeit und optimaler Nutzung von Ressourcen und individuellen Fähigkeiten. (vgl. Lüpke/Voß, 1997, S.12 ff).

Die Veröffentlichung dieses Beitrags erfolgte mit freundlicher Genehmigung durch den Herausgeber der Zeitschrift Ideennetz