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Ausstieg aus der rechtsextremen Szene

Wie Jugendliche den schwierigen Schritt nach draussen schaffen

Nina Studer

Hinweis: Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift soz:mag unter einer Creative Commons Lizenz publiziert und darf unter bestimmten Voraussetzungen frei kopiert werden

Seit der Autobiographie des Ex-Neonazis Ingo Hasselbach (1993) nimmt die Zahl der Ausstiegs-Biographien zu. In den Medien und in TV-Talkshows ist der Ausstieg aus der rechtsextremen Szene zu einem gängigen Thema geworden. Ausstiegsprogramme oder regionale Netzwerke bestehend aus Schule, Sozialarbeit und Polizei sollen rechtsextremen Jugendlichen den Weg zurück in die "normale" Gesellschaft ebnen. Interventionistische als auch präventive Massnahmen richten sich in erster Linie gegen gewaltbereite Exponenten der Szene. Wer aber rassistische und antisemitische Vorurteile hat, muss weder gewalttätig sein, noch zwingend zur rechtsextremen Szene gehören. Auf der Grundlage einer qualitativen Analyse von 14 ausführlichen Interviews mit jugendlichen Szenengängern und AussteigerInnen gibt der folgende Artikel Einblick in die Ausstiegsproblematik.

Die Rechtsextremismusforschung hat sich bisher vor allem mit den Mechanismen befasst, welche rechtsextreme Einstellungen unter Jugendlichen reproduzieren. Welche Faktoren bringen aber die Jugendlichen von einem aktiven Mitwirken in der rechtsextremen Szene ab? Diese Frage ist für die Entwicklung von Interventionsstrategien relevant. Gesellschaftliche Prozesse und Strukturen, die gemäss makrotheoretischen Erklärungsansätzen gewalttätigen Jugendrechtsextremismus mit verursachen, können nicht von einem auf den anderen Tag gestoppt werden. Die Kenntnis über Distanzierungsverläufe ermöglicht aber zumindest eine angemessene Erarbeitung von Interventionsinstrumenten auf der Mikro-Ebene.

Was also wirkt begünstigend auf die Heranbildung einer Ausstiegsmotivation? Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, müssen wir zuerst definieren, wovon sich die Jugendlichen genau distanzieren sollten. Ausgangspunkt des Distanzierungsprozesses ist die rechtsextreme Szene mit ihren spezifischen Werten, politischen Forderungen und Eigenschaften: Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus; Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, und Ethnozentrismus; Führerkult, Autoritarismus und Gewaltakzeptanz – um nur einige der vielen Aspekte zu nennen, die die rechtsextreme Szene kennzeichnen. Aus soziologischer Sicht lassen sich rechtsextreme Orientierungsmuster über zwei Grundelemente zusammenfassend bestimmen: Ungleichheitsvorstellungen bzw. Dominanzorientierungen, die sich in der personenbezogenen Abwertung und in Lebenslage bezogenen Ausgrenzungsforderungen in Form von sozialer, ökonomischer, kultureller, rechtlicher und politischer Ungleichbehandlung von „Fremden“ äussern (vgl. Heitmeyer, 1992). Das zweite Grundelement ist die Gewaltakzeptanz, die von der Überzeugung der unabänderlichen Existenz von Gewalt über die Billigung fremdausgeübter Gewalt bis hin zur eigenen Gewaltbereitschaft und effektiven Gewalttätigkeit reicht. Ein Jugendlicher ist also dann gänzlich ausgestiegen, wenn er neben dem Kontaktabbruch zu seinen „Kameraden“ sowohl Ungleichheitsvorstellungen wie z.B. rassistische Vorurteile als auch die mit den Ungleichheitsvorstellungen funktional verknüpfte Gewaltakzeptanz abgelegt hat.

Rechtsextreme Cliquen als neue Jugendkultur

Nach dem kurzlebigen "kleinen Frontenfrühling" von 1989 bis 1991 hat sich in der Schweiz eine vorerst informelle rechtsextreme Jugendszene herangebildet, die sich aus lokalen Kleingruppen zusammensetzt. Rechtsextreme Cliquen sind eine neue jugendkulturelle Erscheinungsform seit den 90er Jahren. Sie zeigen sich öffentlich, haben über eigene Orte und Zeiten ihre Handlungsspielräume definiert und verfolgen „eine Politik auf der Strasse“ (Hafeneger & Jansen, 2001, 28). Sie pflegen eine klar definierte Subkultur, die sich aus Musik, Mode, Fanzines, symbolischen Emblemen und gemeinsamen Aktionen im Sinn der rassistisch-nationalistischen und antisemitischen Idee zusammensetzt. Diese szenentypische Exklusivität verstärkt das Gefühl einer eingeschworenen Gemeinschaft, die sich gegen äussere Feinde wehren muss. Der soziale Zusammenhalt wird gepflegt und zelebriert. Andere Freundschaftsbeziehungen ausserhalb der Szene gehen in der Regel mit dem Anschluss an eine rechtsextreme Clique zurück oder brechen nicht selten sogar ganz ab. Hochstilisierte Werte wie Kameradschaft, Zusammenhalt, Ehre und Treue erschweren den Ausstieg. Der Jugendliche ist in ein soziales Netzwerk eingebunden, in welchem Rollen informell, manchmal auch formell festgelegt sind. Wie problematisch ein Ausstiegsprozess abläuft, hängt zunächst einmal davon ab, welchen Radikalisierungsgrad die Clique aufweist und welche Position der Jugendliche zuletzt eingenommen hat.

Auf der Basis des eigenen empirischen Materials und der Studie von Hafeneger und Jansen (2001) lassen sich rechtsextreme Jugendcliquen in drei Typen einteilen. Cliquen mit einem tiefen Radikalitätsgrad bezeichnen sich selbst nicht unbedingt als rechtsextrem. Die Cliquenkohäsion ist schwach und die Cliquenmitglieder wechseln häufig. Es gibt weder eine formell bestimmte Führerperson noch eindeutig definierte Regeln und Richtlinien. Die Vernetzung zu anderen Gruppierungen, Organisationen oder prominenten Persönlichkeiten in der Szene ist schwach und ungeplant. Die Zusammenkünfte sind weder organisiert noch regelmässig. Geselligkeit, Kameradschaft, Provokation, Action und Spass stehen im Vordergrund. Politische Anliegen beschränken sich auf eine ausländerfeindliche Einstellung.

Cliquen mit mittlerem Radikalitätsgrad bezeichnen sich selbst in der Regel als rechtsextrem. Die Cliquenkohäsion ist gefestigt, so dass eindeutig ist, wer Sympathisant oder Mitläufer ist und wer zu den festen Kernmitgliedern gehört, die sich in der Regel um eine informelle Führerperson gruppieren. Die Clique pflegt interregionale, interkantonale, teilweise auch internationale Kontakte zu anderen Gruppierungen, Organisationen und prominenten Persönlichkeiten der Szene. Die Zusammenkünfte sind organisiert und finden häufig, regelmässig, an einem öffentlichen Ort, bisweilen aber auch in Privaträumen statt. Soziale Kontakte gegen aussen sind reduziert. Es bestehen latente politische und ideologische Interessen und Kenntnisse. Zur subkulturellen Ausstattung gehören auch Hakenkreuzfahne und NS-Literatur.

Jugendcliquen mit hohem Radikalitätsgrad bezeichnen sich selbst gerne als rechtsextrem und treten häufig auch unter einem Namen auf (z.B. Kameradschaft „Helvetische Jugend“). Die Cliquenstruktur ist geschlossen, hierarchisch und hat eine formelle Führerperson. Es gibt geschriebene und ungeschriebene Regeln und Richtlinien, an die sich alle halten müssen. Die Clique ist interregional, interkantonal und international mit anderen Gruppierungen vernetzt. Sie weist eine hohe Mobilität auf. Zusammenkünfte finden regelmässig und häufig statt, zu denen alle Cliquenmitglieder erscheinen sollten. Andere soziale Kontakte gegen aussen sind stark reduziert, ganz abgebrochen oder unerwünscht. An den Treffen wird gerne über politische Anliegen diskutiert. Neumitglieder werden NS-ideologisch geschult und getestet. Zur subkulturellen Ausstattung gehören auch Waffen.

Der Ausstieg als individuelle Herausforderung

Der Ausstieg aus einer rechtsextremen Jugendclique mit hohem Radikalitätsgrad ist dementsprechend schwieriger. Wenn sich ein Jugendlicher einer solchen Clique angeschlossen hat und die internen Hierarchiestufen durchläuft, ist der Erwartungsdruck gross und er ist emotional und ideologisch stark in die rechtsextreme Szene eingebunden. Aussteigen heisst in einem solchen Fall, ein soziales Netzwerk, welches Gefühle der Geborgenheit und Akzeptanz gab, zu verlassen und alleine dazustehen zwischen dem verschlossenen sozialen Umfeld und der ehemaligen Kameradschaft (vgl. Wippermann, 2002). Der Aussteiger ist gezwungen, sein Leben selbstständig neu auszurichten und neue Beziehungen aufzubauen.

Die Reflexionsphase

Die Herausbildung der Ausstiegsmotivation sowohl bei Mitläufern als auch bei Kernmitgliedern verläuft ähnlich, jedoch zeitlich verschoben. Der Ausstiegsprozess beginnt mit einer Reflexionsphase. Sie setzt bei Mitläufern tendenziell früher ein, weil sich diese weniger mit dem politischen und ideologischen Gehalt der Clique identifizieren und nur am Rand in die Cliquenstruktur integriert sind. Polizeiliche oder strafrechtliche Berührungspunkte genügen meist, damit ein solcher Reflexionsprozess einsetzt. Bei Kernmitgliedern haben repressive Massnahmen auch gegenteilige Effekte. Strafverfahren und Gefängnisaufenthalte erhöhen das Ansehen und die Anerkennung in der Szene. „Ich habe ehrlich gesagt nach der U-Haft eine Art Stolzgefühl gehabt. Weil du nun der ganz Krasse gewesen bist, und das habe ich dann die letzten paar Monate schon ein wenig genossen“ (David*, 21). Wann die Reflexionsphase beginnt, hängt also von der Eingebundenheit in die Clique und deren Radikalitätsgrad ab.

Ausschlaggebend für den Eintritt der Reflexionsphase ist aber auch der Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung. Anscheinend findet die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Clique mit Anbruch der Postadoleszenz in den meisten Fällen ihr Ende. Die in rechtsextremen Cliquen anzutreffenden Leute sind zehn- bis achtundzwanzigjährig. In rechtsextremen Jugendcliquen können grundlegende soziale und psychische Bedürfnisse der Pubertät und Adoleszenz in einer Extremform ausgelebt werden. Zu diesen gehören Provokation, Übermut, radikales Schwarzweissdenken und Omnipotenzphantasien, welche von daher rühren, dass die durch Hinterfragen des elterlichen Wertesystems und Ich-Ideals ausgelösten Insuffizienz- und Unsicherheitsgefühle abgewehrt werden (vgl. Wirth, 1996, 10). Adoleszente Omnipotenz ergänzt sich mit den Überlegenheitsgefühlen, die in der rechtsextremen Szene allgegenwärtig sind. Diese bieten vereinfachende Erklärungsmuster für eigentlich komplexe Zusammenhänge und vermögen dadurch, verunsicherte, schwache Identitäten scheinbar schnell zu stabilisieren.

Im Normalfall macht der Jugendliche etwa ab dem vierzehnten Lebensjahr sich selbst zum Gegenstand seiner Gedanken. Damit setzt auch die Zeit der Selbstbeurteilung und der Selbstkritik ein. Bei Jugendlichen, die stark in die rechtsextreme Szene eingebunden sind, beginnt die selbstkritische reflexive Phase im identitätsauflösenden Gruppenkontext verspätet. Ausgelöst wird sie durch cliqueninterne Entwicklungsverläufe, die den Jugendlichen auf sich selbst zurückwerfen und die persönlichen Coping-Strategien überbelasten, aber auch durch den konstanten gesellschaftlichen Anpassungsdruck und durch neue Freundschaftsbeziehungen, die die bisherigen Beziehungen innerhalb der Clique in Frage stellen.

Die Clique als Auslöser für die Reflexionsphase

Bestimmte cliqueninterne Konstellationen schaffen gute Voraussetzungen für Reflexionsprozesse. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn die Cliquenkohäsion gering ist und die Möglichkeit besteht, sich in einem kleineren Kreis mit Gleichgesinnten abzusondern. Oder es entsteht ein interner sozialer Konflikt. Häufig handelt es sich um Machtansprüche und Rivalitätskonflikte, die für die Männlichkeit zelebrierende Szene typisch sind. Rechtsextreme Jugendcliquen entwickeln sich inhaltlich nicht weiter und bleiben bei rassistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Statements stehen. Die individuelle kognitive Entwicklung gerät damit immer mehr in Widerspruch und löst Reflexionsprozesse aus. „Ich habe einfach selber gemerkt: so kann es nicht weiter gehen. Die ganze Zeit immer wieder das gleiche Thema. So ist das Leben auch ein wenig langweilig“ (Sandro*, 18).

Ein weiterer Effekt auf die Bildung der Ausstiegsmotivation geht von der Altersstruktur der Clique aus. Mit dem Älter- und Kräftigerwerden eines Kernmitgliedes geht in der Regel ein Aufstieg in der Clique einher. Ehemalige Rädelsführer entwachsen der Clique. Damit verknüpft ist ein Perspektivenwechsel. Die Verantwortung gegenüber den Jüngeren wächst und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Rolle in der Clique reflektiert wird. Der Ablösungsprozess beginnt mit der Distanzierung von den jüngeren meist übermütig und gewaltsam agierenden Cliquenmitgliedern.

Der Wunsch nach einem Rückzug kann auch aufgrund eines Burn-out-Syndroms erfolgen. Je nach Radikalitätsgrad der Clique nimmt sie den grössten Teil der Freizeit in Anspruch. Die Freizeit bietet keinen Raum mehr zur Erholung und Entspannung. „Heute ist das Wochenende wirklich Erholung. Damals war es der grösste Stress der ganzen Woche“ (Georg*, 20). Wenn sich ein Jugendlicher zu stark vom rechtsextremen Gedankengut und den szenenspezifischen Aktivitäten hinreissen lässt, nimmt er seine persönlichen Bedürfnisse nicht mehr wahr. Vom Burn-Out-Syndrom sind vor allem diejenigen Jugendlichen betroffen, die eine Führungsfunktion innehaben oder zum Cliquenkern gehören.

Gesellschaftlicher Anpassungsdruck als Ausstiegsmotivation

Als belastend empfundene Desintegrationseffekte wie z.B. der Verlust von externen Freunden, kontextbezogene Konflikte im Elternhaus, Verhaftungen und Strafverfahren können Opportunitätsüberlegungen auslösen, wobei über die persönlichen Vor- und Nachteile reflektiert wird.

Die Desintegrationseffekte wirken vor allem in ihrer Kombination positiv auf die Ausstiegsmotivation. Erzieherische Massnahmen und Ratschläge der Eltern scheinen keine grosse Wirkung zu haben, wenn nicht gleichzeitig polizeiliche, gerichtliche oder anderweitige Konfrontationen den Jugendlichen belasten. Der Ausstieg muss sich lohnen.

Ausstieg dank neuen Freundschaftsbeziehungen

Die Beziehungen in der Clique sind tendenziell oberflächlich, wobei die interne Kommunikations- und Partizipationskultur dennoch einen engen Sozialisationsrahmen steckt. Es handelt sich eher um eine Art soziale Fürsorge als um eine emotionale Verbundenheit. „Freundschaft würde ich jetzt dem nicht sagen. Nein, es sind mehr ideologische Gesinnungsgenossen gewesen, aber wirkliche Freunde – man kann nicht über seine persönlichen Probleme reden. Das ist völlig unmöglich“ (Roland*, 30). Die Existenz eines externen Freundeskreises wirkt dann begünstigend auf den Reflexionsprozess, wenn dieser tiefere, kommunikationsbezogene Beziehungen vorweist, die einen sachlichen Diskurs und eine Trennung der politisch-ideologischen Einstellung vom „Menschen dahinter“ möglich machen. In der Reflexionsphase sind neue Bezugsgruppen oder auch eine neue intime Beziehung also entscheidend. Diese können den Jugendlichen von seiner exklusiven Rolle als „Rechter“ wegbringen.

In der reflexiven Phase entdeckt der Jugendliche Divergenzen zwischen sich selbst und der Clique, die zu Identifikationsdefiziten führen. Inhaltliche Identifikationsdefizite können bereits zum Zeitpunkt des Einstieges bestehen, wenn der Anschluss an die Clique nicht primär aufgrund eines Schutz- und Wehrbedürfnisses erfolgt, sondern aus anderen Beweggründen wie Provokations- und Abenteuerlust, oder dem Bedarf nach sozialer Geborgenheit und Zugehörigkeit. Anfängliche Identifikationsdefizite können sich zwar in der Gruppendynamik verflüchtigen. Das mitgebrachte eigene Wertesystem scheint aber träge und stabil zu sein, so dass es bei aller Intensität der Sozialisationseffekte in einer rechtsextremen Clique nach einer bestimmten Zeit des Rollenspiels wieder durchbricht. Die Stabilität des eigenen Wertesystems ist vom Alter und von den Sozialisationserfahrungen ausserhalb des Cliquenkontextes abhängig. Schwierige Familienkonstellationen und sozio-emotionale Beziehungsdefizite in der Kindheit führen zu einer relativ frühen Suche nach einem stabilen Bezugssystem in einem Alter, in welchem das eigene Wertesystem noch diffus, widersprüchlich und offen für neues Gedankengut ist. Inhaltliche Identifikationsdefizite entwickeln sich auch, wenn der Jugendliche wahrnimmt, dass die postulierten Maximen in der Szene handlungspraktisch nicht eingehalten werden (z.B. Drogenkonsum) und die meisten „Kameraden“ über keine tieferen politischen oder ideologischen Kenntnisse verfügen. Ist das politische Interesse einmal erwacht und kann die Clique diesem nicht gerecht werden, folgt dem Ausstieg in der Regel ein Einstieg in eine politische Organisation (z.B. in die PNOS).

Die Reflexionsphase wird durch ein Dilemma charakterisiert: Einerseits will der Jugendliche zum eigenen Wohl wieder ein Teil der Gesellschaft werden, weil die Divergenz zwischen den heimlichen Lebenszielen und der aktuellen Lebenslage erkannt wird, andererseits aber will er die Szene nicht verlassen, weil damit ein Identitätsverlust und Einsamkeit einhergehen. Solange jedoch die emotionale und soziale Attraktivität der Clique grösser ist als die der Alternativen, bleibt in der Regel die starke Bindung in der Clique bestehen.

Typischerweise ziehen (freiwillig) Ausgestiegene ihre ehemalige „Kameradschaft“ ins Lächerliche und schieben die Verantwortung der Szene zu. Ehrliche Selbstkritik und Reue sind bei jenen Ausgestiegenen vorzufinden, die die rechtsextremen Werte nicht verinnerlicht haben und sowohl Ungleichheitsvorstellungen wie Gewaltakzeptanz abgelegt haben. Häufig bestehen jedoch nach einer anfänglichen Distanzierung rechte bis rechtsextreme Einstellungen „heimlich“ fort.

Nina Studer hat an der Universität Freiburg Sozialarbeit und Sozialpolitik, Soziale Forschung und Entwicklung sowie Zeitgeschichte studiert. Ihre Lizentiatsarbeit schrieb sie über den Ausstieg aus der rechtsextremen Clique. Sie arbeitet heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Basel im Nationalforschungsprojekt NFP40+ zur Ausstiegsmotivation rechtsextremer Jugendlicher und als Musikpädagogin in Bern.

* Name geändert

Literaturauswahl

Hafeneger, B. & Jansen, M. (2001): Rechte Cliquen. Alltag einer neuen Jugendkultur. Weinheim.

Hasselbach, I. (1993): Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus. Berlin.

Heitmeyer, W. et al. (1992): Die Bielefelder Rechtsextremismus Studie. Weinheim.

Möller, K. (2000): Rechte Kids. Weinheim. Wippermann, C., Zarcos-Lamolda, A. u. Krafeld, F.-J. (2002): Auf der Suche nach Thrill und Geborgenheit. Opladen.

Wirth, H. (1996): Adoleszenz als Chance und Risiko. Psychosozial, Nr. 64, 9-28.