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Minderwertig und fehl am Platz

Wenn frau sich das Gymi gar nicht zutraut

Nicole Burgermeister

Hinweis: Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift soz:mag unter einer Creative Commons Lizenz publiziert und darf unter bestimmten Voraussetzungen frei kopiert werden

Noch immer hängt der Entscheid, welchen Berufs- und Bildungsweg jemand einschlägt, stark von der jeweiligen Schicht- und Geschlechtszugehörigkeit ab. Von Bedeutung ist dabei nicht nur das Verfügen über die notwendigen ökonomischen und kulturellen Ressourcen, sondern auch Faktoren wie die eigene Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung. Minderwertigkeitsgefühle erweisen sich gerade für Frauen aus der Unterschicht immer wieder als Barriere für einen sozialen Aufstieg - und sind dabei nicht so subjektiv, wie sie erscheinen mögen.

Wenn in aktuellen Debatten im Zusammenhang mit bildungspolitischen Fragen von "Angriff auf die Chancengleichheit" die Rede ist, die scheinbare Vielfalt an Bildungs- und Berufswahlmöglichkeiten zelebriert und von "Massenuniversitäten" gewarnt wird, so weist dies darauf hin, dass ein öffentliches Bewusstsein über die bereits jetzt, bzw. immer noch bestehenden Ungleichheiten im Bildungssystem kaum vorhanden ist. Im Gegenteil: Thesen wie diejenige von der "Pluralisierung der Lebensstile" sowie die Vorstellung, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Schicht und Klasse keine Bedeutung mehr haben, sind auch im Bezug auf Bildungsfragen sehr aktuell. Dies, obwohl verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zum Schluss kommen, dass im bestehenden Schul- und Berufsbildungssystem keineswegs die gleichen Möglichkeiten und Mobilitätschancen für alle Gesellschaftsgruppen bestehen (vgl. Lamprecht und Stamm: 1997).

Gerade angesichts des viel propagierten Ideals der "freien Berufswahl" stellt sich die Frage, weshalb sich dennoch ein grosser Teil der Jugendlichen im Prozess des Übergangs zwischen obligatorischer Schulzeit und weiterführender Schule oder Berufsausbildung für einen Weg entscheidet, welcher immer noch der gesellschaftlichen Norm im Bezug auf Schichts- und Geschlechtszugehörigkeit entspricht. Unter Jugendlichen, welche keine oder gesellschaftlich niedrig bewertete Berufe wie Coiffeur/se, Verkäufer/in oder Automechaniker/in gelernt haben, ist der Anteil derjenigen, welche aus tieferen und bildungsferneren Gesellschaftsschichten kommen, deutlich überproportional. Zwar ist der Anteil Frauen an den Gymnasien in den letzten drei Jahrzehnten überproportional gestiegen; dies bedeutet allerdings noch nicht, dass damit auch höhere Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Partizipation und Wohlstand verbunden wäre (Rohleder 1997). Gerade Frauen aus den unteren Schichten orientieren sich bezüglich der Wahl eines Berufes zudem oft auch heute noch sehr eng an den Vorstellungen des "weiblichen Arbeitsvermögens".

Mich hat dabei insbesondere die gewisse "Selbstverständlichkeit" interessiert, mit der Mädchen in vielen Fällen typische "Frauenberufe" wählen und mit der Angehörige bildungsferner und ökonomisch schlechter gestellter Familien oftmals eine höhere Ausbildung gar nicht in Betracht ziehen. Gerade angesichts der Bedeutung, welche der Entscheid über den weiteren Berufs- und Bildungsweg für die Reproduktion sozialer Ungleichheiten hat, ist die Frage, warum es vielen Jugendlichen trotz aller scheinbaren Wahlmöglichkeiten so schwer fällt, einen Weg einzuschlagen, der nicht geschlechts- und/oder schichtkonform ist, sehr entscheidend.

Im Rahmen einer Seminararbeit über Frauen aus der Unterschicht und ihren Berufs- und Bildungsweg habe ich versucht, den Ursachen für die soziale und geschlechtsspezifische Selektion in der Übergangsphase auf den Grund zu gehen. Dabei ging es mir vor allem um jene Prozesse, welche nicht so offensichtlich sind wie Benachteiligung aufgrund fehlender ökonomischer Ressourcen und die dementsprechend in der Öffentlichkeit kaum diskutiert werden: Um die Frage, inwiefern Individuen selbst, durch ihr Handeln, in der Phase der Entscheidungsfindung über weiterführende Schule oder Beruf schichtspezifische und geschlechtliche Ungleichheiten reproduzieren; und vor allem warum sie einen schulischen und beruflichen Weg wählen, der ihnen eine untergeordnete Position in der Gesellschaft sicherstellt.

An der Uni deplaziert

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass gerade Frauen aus den unteren Schichten im Bezug auf ihre Mobilitätschancen durch höhere Bildung und Beruf besonders benachteiligt sind (vgl. Rohleder 1997, Brendel 1998). Das legt die Vermutung nahe, dass Geschlecht und Schicht als zwei grundlegende Strukturierungsmechanismen im Bezug auf Bildungs- und Berufserfolg angesehen werden müssen. Ich habe mich in meiner Arbeit vor allem auf die Studien von Sabine Brendel und Christiane Rohleder gestützt, die sich mit der Situation von aufstiegsorientierten Arbeitertöchtern zwischen Schule und Beruf beschäftigt haben. Ein Thema, das in den Schilderungen der interviewten Frauen zentral ist, ist folgendes: Das subjektive Empfinden der eigenen Minderwertigkeit im Vergleich zu KlassenkameradInnen, ArbeitskollegInnen oder MitstudentInnen, sowie das Gefühl, defizitär und fehl am Platz zu sein. Gerade die Übertritte ans Gymnasium oder die Universität erwiesen sich für viele der interviewten Frauen als Prozesse, die von massiven Fremdheits- und Minderwertigkeitsgefühlen sowie Versagensängsten geprägt sind. In ihrer Schilderung des Übertritts an Orte, welche sowohl historisch als auch gesellschaftlich geprägt sind von der Dominanz höherer Schichten (und auf gewissen Hierarchiestufen bis heute vor allem von männlichen Angehörigen höherer Schichten), wird von fast allen der befragten Frauen immer wieder die Metapher der "anderen Welt" verwendet, einer Welt, in der sie sich nicht wirklich zugehörig fühlen. Viele nehmen sich an Gymnasium und Uni als "deplaziert", "fremd", als Aussenseiterinnen wahr (vgl. auch Leemann 2002). Nicht selten waren diese Erfahrungen für die Frauen so verunsichernd, dass sie sich schliesslich doch für einen ihrem Geschlecht und ihrer Schicht "angemesseneren" Weg entschieden, das Studium abbrachen oder sich gegen den Besuch des Gymnasiums entschieden. Mit diesen Gefühlen verknüpft ist, wie sich zeigt, auch die Erfahrung der sozialen Minderwertigkeit der eigenen Herkunftskultur und damit von sich selbst. Eine Minderwertigkeit, welche sich beispielsweise über Unterschiede zu den KlassenkameradInnen im Bezug auf Kleider, Wohnverhältnisse, differente Freizeit- und Urlaubsgewohnheiten oder die Sprache wahrgenommen wird. Gerade die Sprache wird, wie Untersuchungen zur Situation von Arbeitertöchtern an den Universitäten gezeigt haben, als zentrales Ausschlussmedium erlebt. "Sprachliche Unsicherheit führt nicht selten zum Schweigen und Stumm-Sein in den Bildungsinstitutionen" (Brendel 1998: 260). Mit der Wahrnehmung der sozialen Hierarchie und der eigenen Verortung im unteren Bereich könne, so Brendel, sehr schnell das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit entstehen, verbunden mit der Angst, im Vergleich zu Kindern anderer Elternhäuser nicht genügend zu wissen, bzw. sich nicht gut genug ausdrücken zu können. Nicht gerade optimale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Bildungs- und Berufsweg.

Es sind somit nicht nur die Defizite an ökonomischen und kulturellen Ressourcen, welche als Barrieren für einen sozialen Aufstieg über Bildung wirksam werden. Vielmehr ist es auch die subjektive Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung, die sich ganz entscheidend auf die von den jungen Frauen zu treffende Entscheidung über ihren weiteren Berufs- und Bildungsweg auswirkt. Dabei erfolgt der Entschluss, ob sie eine Matur oder ein Studium überhaupt in Betracht ziehen, oder ob sie nach Ende der obligatorischen Schulzeit eine Lehre machen, nicht selten leistungsunabhängig.

Verinnerlichte Minderwertigkeit?

In der Theorie von Pierre Bourdieu ist zentral, dass das, was als individuelle Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster wahrgenommen wird, durch vorangegangene geschlechts-, schichts- und generationsspezifische Erfahrungen und den damit verbundenen Lebenschancen geprägt ist und damit auch zukünftige Handlungen und Entscheidungen beeinflusst. Die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen führt dazu, dass jedes Individuum - ob bewusst, ob unbewusst - "weiss", wo sein Platz in der Gesellschaft ist. So individuell und frei, wie die weitverbreitete Vorstellung der "freien Berufswahl" suggeriert, sind die jeweiligen Gesellschaftsmitglieder also nicht, wenn sie sich zwischen Coiffeurlehre, KV-Ausbildung oder Medizinstudium entscheiden müssen. Damit jemand aus einer gewissen Selbstverständlichkeit heraus einen statusniederen und schlecht bezahlten Beruf wählt, muss er/sie ein gewisses Einverständnis aufweisen mit der Position, die ihm/ihr die Gesellschaft zuweist. Man wendet sich jenen Ausbildungs- und Berufswegen zu, welche man bezüglich der eigenen Geschlechts- und Schichtszugehörigkeit als angemessen empfindet, selbst dann, wenn dadurch die eigene niedrig bewertete gesellschaftliche Position reproduziert wird. Ungleichheitsstrukturen "können nur dank der Komplizenschaft der Akteure funktionieren, die die Strukturen verinnerlicht haben, nach denen die Welt organisiert ist" (Bourdieu 2001: 166). Dazu gehört auch die Verinnerlichung von Wertigkeiten, welche den Einzelnen durch schichts- und geschlechtsspezifische Wertigkeiten zugeschrieben werden. Empfindet man sich selbst als minderwertig, ist man vermutlich eher geneigt, eine tiefer bewertete (berufliche) Position in der Gesellschaft zu akzeptieren.

Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp gehen mit ihrem Konzept der "Doppelten Vergesellschaftung" davon aus, dass Menschen in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften zwei grundlegenden Strukturierungsprinzipien unterworfen sind: Dem von Lohnarbeit und Kapital einerseits, dem der Geschlechterverhältnisse andererseits. Wir sind also doppelt vergesellschaftet. Für die gesellschaftliche Position der Frauen ist entscheidend, dass sie in doppelter Weise ins soziale Gefüge eingebunden sind: Ihre Position ist sowohl von ihrem sozioökonomischen Status als auch von ihrem Geschlecht und somit der männlich-autoritären Dominanz bestimmt. Entscheidend ist dabei, dass Individuen über den Vergesellschaftungsprozess bis weit in ihre individuell-psychischen Persönlichkeitsstrukturen von diesen Strukturierungsmechanismen geprägt sind. Damit verknüpft ist immer auch eine soziale Bewertung der Einzelnen, die sehr früh durch die Einbindung in hierarchisch strukturierte gesellschaftliche Arbeitszusammenhänge vermittelt wird und über den Prozess der Vergesellschaftung auch eine geschlechts- und schichtspezifische Eigenbewertung zur Folge haben. Wesentliche und eng miteinander verknüpfte Orte, an denen diese Strukturierungsprozesse wirksam werden, sind Familie, Schule und Arbeitswelt. Die bereits im frühkindlichen Stadium wirksamen Erfahrungen von Hierarchisierungen und Unterdrückung konstituieren die Entwicklung des eigenen Selbstbildes entscheidend mit. In dem Moment, wo ein für den eigenen Lebensweg zentraler Entscheid ansteht, werden diese verinnerlichten Strukturen besonders wirksam. Das Verlassen des einem zugewiesenen sozialen Raumes, bzw. der Widerstand gegen die durch doppelte Vergesellschaftung bestimmte soziale Position, birgt die Gefahr von stets neuen Fremdheits-, Versagens- und Minderwertigkeitserfahrungen und ist Anlass für Verunsicherung und Ängste. Der Entscheid, schulisch, bzw. beruflich den sichereren und vom sozialen Umfeld als "passender" wahrgenommenen Weg einzuschlagen, bzw. das bekannte und von den Eltern vielleicht bereits vorgespurte Terrain zu wählen, liegt da oft näher.

Der Prozess der Verinnerlichung von gesellschaftlichen Verhältnissen, sozialen Ungleichheiten und durch die Gesellschaft zugeschriebenen Wertigkeiten erweist sich als eine sehr komplexe Problematik, die hier nur kurz umrissen werden konnte. Für die Frage, warum Individuen über die Wahl ihres weiteren Berufs- und Bildungsweg so häufig gesellschaftliche Ungleichheiten und somit ihre eigene soziale Position reproduzieren, bieten die Ansätze von Bourdieu, Becker-Schmidt und Knapp jedoch hilfreiche Anknüpfungspunkte.

Die Beschäftigung mit den hier angesprochenen Problemfeldern ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil zur Zeit im Schweizer Bildungswesen Entwicklungen im Gange sind, welche bereits jetzt bestehende Chancenungleichheiten im Hinblick auf soziale Mobilität über Bildung und Beruf noch verschärfen werden. Solange sich jedoch Mythen wie jene der freien Berufswahl und der Chancengleichheit im Schweizer Bildungssystem weiterhin hartnäckig halten, dienen sie gerade all jenen als Rechtfertigung, welche Massnahmen wie verschärfte Selektion, höhere Studien- und Berufsschulgebühren und grössere Klassen in der Volksschule fordern.

Nicole Burgermeister (24) studiert an der Universität Zürich Soziologie, Ethnologie und Philosophie. Im Rahmen ihres Studiums sowie ihres unipolitischen Engagements hat sie sich immer wieder mit bildungspolitischen Fragen und der Problematik der Chancengleichheit auseinandergesetzt. Grundlage für den Artikel bildet ihre Seminararbeit über Frauen aus der Unterschicht und ihren Berufs- und Bildungsweg.

Literaturauswahl

Becker-Schmidt, Regina (1987): Die doppelte Vergesellschaftung - die doppelte Unterdrückung: Besonderheiten der Frauenforschung in den Sozialwissenschaften. In: Unterkircher, Lilo und Wagner, Ina (Hrsg.): Die andere Hälfte der Gesellschaft. Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien.
Bourdieu, Pierre (2001): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Schule und Politik. Schriften zu Politik und Kultur 4. VSA-Verlag, Hamburg.
Brendel, Sabine (1998): Arbeitertöchter beissen sich durch. Bildungsbiographien und Sozialisationsbedingungen junger Frauen aus der Arbeiterschicht. Juventa Verlag, Weinheim und Münster.
Knapp, Gudrun-Axeli (1990): Zur widersprüchlichen Vergesellschaftung von Frauen. In: Hoff, Ernst-H. (Hrsg.): Die doppelte Sozialisation Erwachsener. Zum Verhältnis von beruflichem und privatem Lebensstrang. Juventa Verlag, Weinheim und München.
Lamprecht, Markus und Stamm, Hanspeter (1997): Chancengleichheit im Schweizer Bildungssystem? In: Widerspruch 33/97.
Leemann, Regula Julia (2002): Chancenungleichheiten im Wissenschaftssystem. Wie Geschlecht und soziale Herkunft Karrieren beeinflussen. Rüegger, Chur und Zürich.
Rohleder, Christiane (1997): Zwischen Integration und Heimatlosigkeit. Arbeitertöchter in Lehramt und Beruf. Westfälisches Dampfboot, Münster.